NS-Opfer-Gedenken: 80.000 Ballons am Heldenplatz
- Anlässlich Befreiung des KZ Mauthausen am 5. Mai 1945
Feierlich und staatstragend im Parlament, spektakulär auf dem Wiener Heldenplatz wurde am Montag anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen am 5. Mai 1945 der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Während im Hohen Haus neben Bundespräsident Thomas Klestil die Bundesregierung, der National- und Bundesrat, die Spitzen der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) sowie Abordnungen des Bundesheeres, der Exekutive und Schüler einer Lesung des Schauspielers Miguel Herz-Kestranek lauschten, ließen Schüler am Heldenplatz 80.000 weiße Luftballons - mit Briefen an die 80.000 österreichischen NS-Opfer versehen - in den Himmel steigen.
Die Zukunft müsse im Geist des "niemals wieder" gestaltet werden, sagte Nationalratspräsident Andreas Khol (V) bei der Gedenkstunde im Parlament. Die Bilder des Grauens, die Gesichter und Körper der Überlebenden, die im Mai 1945 in Mauthausen ihre Befreier begrüßten, "kann niemand je vergessen, der sie gesehen hat". Und "damit wir alle nicht vergessen, was Gewalt und Rassismus angerichtet haben und was sie immer und auch in Zukunft anrichten können, wenn nicht an der Wurzel bekämpft, gestalten wir alle den 5. Mai alljährlich im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus als Tag gegen Gewalt und Rassismus".
Khol: Auch Probleme der Gegenwart betrachten
Das Gedenken dürfe aber nicht nur nach hinten gerichtet sein, so Khol weiter. Ein Gedenktag solle auch dazu veranlassen, Probleme der Gegenwart vor dem eigenen Gewissen zu betrachten. Khol erinnerte in diesem Zusammenhang an die von der Republik eingerichteten Fonds - neben dem Nationalfonds den Versöhnungsfonds zur Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter und den Allgemeinen Entschädigungsfonds, aus dem große in der NS-Zeit geraubte Vermögen abgegolten werden sollen. Dank gab es von Khol, der auch auf die Eröffnung des neuen Besucherzentrums in Mauthausen am Sonntag hinwies, für den Bericht der Historikerkommission.
Lesung von Herz-Kestranek
Flucht und Exil sei in vielen Teilen der Welt auch heute an der Tagesordnung, so der Nationalratspräsident. "Sind es oft nicht die Besten, die ihr Land verlassen mussten?", fragte Khol, in Anspielung auf das Motto der Herz-Kestranek'schen Lesung "Vergiss das Wort, vergiss das Land, Flucht und Exil im Spiegel österreichischer Literatur". Der Künstler, selbst Sohn jüdischer Emigranten, hatte dafür Texte österreichischer Autoren herangezogen, die vor den Nazis flüchteten und dann im Exil lebten. "Die Deutschen rückten ein, ganz ohne Schuss, man wollte jeden Bruderkampf vermeiden ...", zitierte Herz-Kestranek etwa aus "Weltgeschichte am Radio" von Mimi Grossberg. Des weiteren trug er u.a. Passagen von Alfred Polgar, Hermann Broch, Walter Lindenbaum, Berthold Viertel, Stella Rotenberg, Jean Amery und Erich Fried vor. Für die musikalische Umrahmung sorgte das Kantoralensemble Wien unter der Leitung von Rami Langer.
Klestil: Erinnerung wach halten
Klestil, der vom Parlament direkt zur Schüler-Veranstaltung "A Letter To The Stars" auf dem Heldenplatz eilte, hielt dort in einer Rede im Rahmen der Abschlusskundgebung fest: "Jede und jeder war ein mögliches Opfer eines Regimes, das wie keines davor und danach Österreicherinnen und Österreicher verfolgt, gefoltert, ermordet hat. Es ist wichtig, ja unerlässlich, die Erinnerung an jene Zeit wach zu halten und die Geschehnisse nicht den Geschichtswissenschaftern allein zu überlassen." Man müsse sich nach Kräften bemühen, die Opfer des Nationalsozialismus nicht bloß in Statistiken zu fassen. "Jeder damals verfolgte, jeder gefolterte, jeder ermordete Mensch hat seine individuelle Lebensgeschichte, hat auf seine Art gelebt, Menschen geliebt und seinen Alltag gestaltet, Hoffnungen und Träume gehabt."
80.000 Luftballons am Heldenplatz
Den tausenden Schülern aus ganz Österreich, die sich an dem von den Journalisten Alfred Worm, Josef Neumayer und Andreas Kuba initiierten Projekt "A Letter To The Stars" beteiligten, dankte der Bundespräsident. "Ihr seid aus ganz Österreich zusammengekommen, um ein Zeichen zu setzen gegen Fremdenhass, Diskriminierung und Intoleranz", so Klestil, und weiter: "Mögen Eure Bemühungen dazu beitragen, dass die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit sich nie mehr wiederholen." Dann gab Klestil den Startschuss, die Luftballons fliegen zu lassen.
Basis des Projekts ist die vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) in jahrelanger Arbeit recherchierte CD-Rom zur namentlichen Erfassung der österreichischen Holocaustopfer. Diese Sammlung enthält derzeit an die 65.000 Namen und - sofern rekonstruierbar - die Geburts-, Sterbe- und Deportationsdaten der Personen hinter diesen Namen. Diese Daten haben die Schüler für ihre persönlichen Briefe an die Verstorbenen herangezogen. Und warum weiße Luftballons? Die Farbe weiß steht im Judentum dafür, die Geschichte dem Vergessen zu entreißen.
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