Deutschlands größter BSE-Versuch gestartet
- 56 Kälber sollen mit Hirngewebe infiziert werden

Auf der Ostseeinsel Riems hat am Mittwoch der größte BSE-Versuch Deutschlands begonnen. 56 Kälber sollen mit Hirngewebe britischer BSE-Rinder infiziert werden, sagte der Präsident der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere, Professor Thomas C. Mettenleiter. Mit dem auf vier Jahre angelegten Versuch wollen die Wissenschaftler den Infektionsweg des tödlichen Erregers vom Darm des Rinds ins Gehirn erforschen und Vorarbeiten für BSE-Tests an lebenden Tieren leisten.
Bevor die 56 Kälber eines vorpommerschen Biohofs für die Forschung sterben, sollen sie es richtig gut haben: Im Sicherheitsstall der Bundesforschungsanstalt sorgen Einzelboxen und weiche Matten, Kratzbürste für die Fellpflege und sogar Musikeinspielungen in den nächsten vier Jahren für Kuhkomfort.
Wie der Leiter des Instituts für neue und neuartige Tierseuchenerreger, Martin Groschup, erläuterte, werden die Tiere für die Studie in zwei Etappen mit insgesamt 5,7 Kilogramm Hirnstammgewebe an BSE erkrankter britischer Rinder infiziert. Der erste 100-Gramm-Cocktail soll per Spritze am 25. Jänner verabreicht werden.
Seit dem ersten bestätigten BSE-Fall in Deutschland am 26. November 2000 wurden bisher 5,5 Millionen Schnelltests durchgeführt. 238 BSE-Fälle wurden seitdem nachgewiesen. Weniger, als die Forscher damals befürchtet hatten. "Die vorschnellen pessimistischen Prognosen haben sich nicht bewahrheitet", sagte Mettenleiter. In Großbritannien habe die Epidemie den Zenit bereits überschritten. Auch in Deutschland sei die Zahl der BSE-Fälle im vergangenen Jahr leicht gesunken. Entwarnung geben die BSE-Experten dennoch nicht.
Der Versuch auf Riems hat zwei Zielrichtungen. Zum einen sei bisher unklar, auf welchem Infektionsweg der Erreger vom Darmtrakt des Rindes in das Hirn gelangt. Den Tieren werde dazu in Abständen zwischen sechs Wochen und vier Monaten Blut, Urin und Rückenmarksflüssigkeit entnommen. Zudem sollen alle vier Monate jeweils zwei bis fünf Rinder getötet und rund 80 Gewebeproben genauestens auf das Vorhandensein der Erreger untersucht werden.
Aus der Erregerverteilung in den Organen der Rinder wollen die Forscher zudem das Risiko für den Menschen beim Verzehr von Rindfleisch beurteilen. Damit sei diese experimentelle Studie ein wichtiger Beitrag zum Verbraucherschutz, erklärte Mettenleiter. Die Studie ist zudem eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung und Bewertung von BSE-Lebendtests. Es gebe vielversprechende Ansätze über den Nachweis so genannter Surrogatmarker, sagt Groschup. "Bisher ist ein Nachweis der Krankheit aber nur an getöteten Tieren möglich".
Die mehrere Millionen Euro teure Studie knüpft an Forschungen britischer Wissenschaftler an. Bereits 1996 und 1999 haben die Briten 40 beziehungsweise 100 Kälber mit dem Erreger infiziert und Proben der internationalen Forschung zur Verfügung gestellt. Mit den Proben der 56 Riemser Kälber soll auch die deutsche BSE-Probenbank aufgefüllt werden. Zwar lagern dort bereits rund 15.000 Proben von 4000 Tieren. Doch diese stammten vorrangig von getöteten Rindern, erklärte Groschup. Für die Entwicklung von Lebendtests seien jedoch Proben lebender Tiere notwendig.
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