Dienstag, 14. Jänner 2003

Über 50.000 türkische Zyprioten demonstrieren

  • Denktas zum Rücktritt aufgefordert

Die politische Führung der türkischen Zyprioten gerät massiv unter Druck, den Wiedervereinigungsplan der Vereinten Nationen für die seit nahezu drei Jahrzehnten geteilte Mittelmeerinsel anzunehmen. Mehr als 50.000 türkische Zyprioten haben am Dienstag in Lefkosa, dem türkischen Sektor der Hauptstadt Nikosia, für die Wiedervereinigung und den Beitritt zur EU demonstriert. Bei der Massenkundgebung unter dem Motto "Ja zu einer Lösung und zur EU!" seien erneut Forderungen nach dem Rücktritt des türkisch-zypriotischen Volksgruppenführers Rauf Denktas laut geworden

Denktas hat bisher den Wiedervereinigungsplan von UNO-Generalsekretär Kofi Annan abgelehnt. Dieser sieht einen Bundesstaat Zypern mit ungeteilter Souveränität aus zwei gleichberechtigten Gebietseinheiten für die griechische und die türkische Volksgruppe vor, die wie die Schweizer Kantone ihre eigenen Regierungen haben sollen.

Die türkischen Zyprioten müssen ihre Forderung nach Zweistaatlichkeit aufgeben. Denktas hatte erklärt, er sei zum Rückzug aus der Politik bereit, falls die Türkei darauf bestehen sollte. Der Vorsitzende der in der Türkei regierenden islamischen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP), Recep Tayyip Erdogan, hatte den harten Kurs von Denktas gegenüber den Vereinten Nationen und der Europäischen Union in einem TV-Interview außerordentlich scharf kritisiert.

Die Zypern-Frage sei nicht die "persönliche Angelegenheit" von Denktas, sondern der Existenzkampf einer Nation. Die öffentliche Meinung der türkischen Volksgruppe auf der Mittelmeerinsel könne nicht ignoriert werden, hatte Erdogan betont.

Ankara: Wünsche der Bevölkerung respektieren
Der türkische Parlamentspräsident Bülent Arinc, der sich am Dienstag nach Nordzypern begab, erklärte, die Wünsche der türkisch-zypriotischen Bevölkerung müssten respektiert werden. Nahezu zwei Drittel der türkischen Zyprioten unterstützen den UNO-Wiedervereinigungsplan, wie Meinungsumfragen ergeben haben. Nachdem es am Rande des EU-Gipfeltreffens im Dezember in Kopenhagen zu keiner Einigung auf der Grundlage des Wiedervereinigungsplanes der Vereinten Nationen gekommen war, wollen Denktas und Präsident Glafcos Clerides als Vertreter der griechischen Zyprioten an diesem Mittwoch nach dreimonatiger Unterbrechung ihre Gespräche in Anwesenheit von UNO-Sondervermittler Alvaro de Soto wieder aufnehmen.

"Niemand kann den Frieden verhindern!" oder "Wir wollen nicht in einem offenen Gefängnis leben!", lauteten einige der Spruchbänder, die die Demonstranten am Dienstag bei der Kundgebung im Norden Zyperns trugen. An vielen Schulen fiel der Unterricht aus, Geschäftsleute schlossen ihre Läden, berichtete der türkische Nachrichtensender NTV. Zu Beginn der Kundgebung wurden zwei Studenten kurzzeitig festgenommen, die ein Transparent hochgehalten hatten, auf dem die "türkische Besatzerarmee" angeprangert wurde. Die Türkei hält den Nordteil der Insel seit der Invasion von 1974 besetzt und hat dort knapp 40.000 Soldaten stationiert und mehr als 100.000 Festland-Türken angesiedelt.

14.1.2003 11:41