Streit um Klon-Babys: Menschen auf Bestellung

Die angebliche Geburt zweier Klon-Babys sorgt weltweit für Empörung. Wie reproduzierbar darf Leben sein – und wie weit soll der wissenschaftliche Fortschritt gehen. Drei Wissenschaftler liefern sich einen unseriösen Wettlauf um das Klon-Monopol. Risken werden dabei negiert. Liegt die Zukunft der Menschheit im Reagenzglas? Wie Klonen und Gentechnik unsere Fortpflanzung beeinflussen.
Diese Neujahrs-Babys wird die Welt nicht so schnell vergessen. Die Chemikerin Brigitte Boisselier schockte mit der Mitteilung, dass bereits zwei Klon-Babys geboren wurden – exakte Kopien ihrer Mütter, entstanden ausschließlich aus Zellen der Mutter ohne Zutun eines Vaters. Was vor exakt fünf Jahren mit dem Klon-Schaf Dolly begonnen wurde, ist am 26. Dezember 2002 und 3. Jänner 2003 zum ultimativen „Sündenfall“ geworden. Erstmals in der Geschichte wurde ein Mensch geklont. Boisselier: „Zuerst produzierten wir mehrere hundert Embryonen zu Testzwecken. Zehn davon wurden eingepflanzt. In fünf Fällen waren wir erfolgreich.“ Zumindest behauptet das die umstrittene Forscherin, die damit auch einen makabren Wettstreit für sich entschieden haben will. Denn neben der „Bischöfin“ der umstrittenen Raelianer-Sekte arbeiten auch der Italiener Severino Antinori und der Amerikaner Panayiotis Zavos am Designerbaby.
Der Klon-Krieg
Zwischen den Kontrahenten im Kampf um den zweifelhaften Titel „1. Klon-Vater der Menschheit“ fliegen seither die Reagenzgläser tief. Severino Antinori ging noch am Tag der Boisselier-Verkündung in die Offensive. „Blanker Unsinn“, empört sich der streitbare Italiener, der 1994 in die Schlagzeilen geriet, als er einer 63-jährigen Frau durch künstliche Befruchtung zu einer Schwangerschaft verhalf. „Madame Boisselier weiß nicht, wovon sie spricht. Sie hat nie wissenschaftlich gearbeitet. Sie hat keinen Stab, kein Labor und noch nie etwas publiziert.“ Ihre Klon-Babys seien „nichts als pure Phantasie“.
Für „real“ und „überprüfbar“ hält Antinori nur ein einziges Klon-Baby: das von ihm „produzierte“. „Spätestens Mitte Jänner“ werde es „gesund“ zu Welt kommen. Die Überprüfbarkeit seiner Arbeit relativiert der umstrittene Wissenschaftler jedoch im gleichen Atemzug: „Zum Schutz der Eltern“ wolle er die Identität des Kindes erst zwei Jahre nach der Geburt lüften.
Boisselier und ihren Raelianern ist auch nichts Besseres eingefallen. „Wir müssen in erster Linie Kind und Eltern schützen“, erklärt Sektengründer Claude Vorilhon die Verweigerung einer wissenschaftlichen Überprüfung. Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Michael Guillen, der in seinem Auftrag den DNA-Test hätte „objektiv überwachen“ und darüber berichten sollen, hat sich von dem Unternehmen losgesagt: Wahrscheinlich sei alles ein „ausgeklügelter Schwindel“, lässt er seinem Auftraggeber ausrichten.
Und die Nummer 3 im Wettrennen um „neues“ Leben, der amerikanische Professor Panayiotis Zavos, der ursprünglich mit Antinori kooperiert hatte, hält beide Konkurrenten für Schwindler. „Was bei Mäusen und Ratten möglich ist, funktioniert auch bei Menschen“, sieht er seine Arbeit pragmatisch. „Es ist nur eine Frage der Zeit.“ An die Erfolgsmeldungen seiner Kollegen mag er nicht glauben: „Ich habe gute Chancen, der Erste zu sein, obwohl es noch ein wenig dauert.“
Technisch machbar
Egal, ob Boisselier & Co jetzt mit ihren Ankündigungen die Wahrheit sagen – Klonen wird unser Leben nachhaltig verändern. Denn das Klonen von Lebewesen, auch dem Menschen, ist heute technisch machbar. Das Prinzip:
H. Scharsach, Ch. Bacher, Ch. Neuhold, Th. Seifert, C. Semrau
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