Montag, 6. Jänner 2003

Designierter EZB-Chef Trichet vor Gericht

  • Wegen französischem Bankenskandal - Bilanzfälschung
  • Trichet kämpft um einen Freispruch - Urteil im April erwartet

Vor einem Pariser Strafgericht hat am Montag der Prozess um den Finanzskandal der früheren Staatsbank Crédit Lyonnais (CL) begonnen. Wichtigster Angeklagter ist der designierte Nachfolger von EZB-Präsident Wim Duisenberg, Jean-Claude Trichet. Er war beim Prozessauftakt anwesend. Trichet, seit 1993 französischer Notenbankchef, soll an Bilanzschwindel und Täuschung der Finanzmärkte Anfang der 90er Jahre beteiligt gewesen sein. Trichet bestreitet dies. Nur bei einem Freispruch dürfte er an die Spitze der Europäischen Zentralbank aufrücken können. Ein Urteil wird im April erwartet.

Der Prozess soll bis zum 12. Februar dauern. Neben dem 60 Jahre alten Trichet müssen sich weitere acht Angeklagte vor Gericht verantworten, darunter der damalige CL-Chef Jean-Yves Haberer und der frühere Gouverneur der Bank von Frankreich, Jacques de Larosiere. Trichet wird "Beihilfe bei der Veröffentlichung falscher Bilanzen und der Verbreitung falscher und irreführender Informationen" vorgeworfen. Der Anklage zufolge vertuschte die damals staatliche Bank für 1991, 1992 und das erste Halbjahr 1993 Milliardenverluste.

Das Kreditinstitut war vor allem durch seine Rolle beim Kauf der MGM-Studios und Immobiliengeschäfte in schwere finanzielle Schlagseite geraten. Doch noch für 1991 wies Credit Lyonnais einen Gewinn aus, für die beiden Folgejahre insgesamt einen Verlust von nur 1,3 Milliarden Euro. Laut einem neuen Gutachten hätte die Bank allein für 1992 aber zusätzlich noch einmal die gleiche Summe abschreiben müssen. Die Sanierung des mittlerweile privatisierten Kreditinstituts kostete den französischen Steuerzahler insgesamt fast 15 Milliarden Euro.

Trichet ist der aussichtsreichste Kandidat für die Nachfolge von EZB-Präsident Duisenberg, der an seinem 68. Geburtstag am 9. Juli aufhören möchte. Zuletzt erklärte der Niederländer aber, dass er "im Interesse eines glatten Übergangs" auch etwas länger im Amt bleiben könnte.

Der Rat der Finanzminister der Europäischen Union, Ecofin, hält unterdessen - zumindest nach Auffassung des deutschen Finanzministeriums - trotz des heute eröffneten Gerichtsverfahrens weiterhin an Jean-Claude Trichet als Kandidaten für Duisenbergs Nachfolge fest. Wie ein Sprecher des deutschen Finanzministeriums am Montag sagte, habe sich der Ecofin "eindeutig" für Trichet ausgesprochen. "An dieser Grundposition hat sich nichts geändert."

Sollte Trichet der Bilanzmanipulation schuldig gesprochen werden, erwarten die meisten Beobachter zurzeit die Ernennung des ehemaligen EZB-Vizepräsidenten Christian Noyer zum neuen Präsidenten der EZB.

6.1.2003 09:19