Donnerstag, 9. Jänner 2003

Gerüchte sehen Tony Blair in Kriegsfrage zögern

  • Britische Regierung weist alle Spekulationen zurück
  • PLUS: Das Kriegszenario in vier Phasen (siehe Kasten rechts)

Sicher ist, dass den USA in ihren Kriegsplänen gegen den Irak einige ihrer wichtigsten "Partner" abhanden kommen. Weniger sicher ist folgendes Gerücht: Die britische Regierung von Premierminister Tony Blair - der verlässlichste Dauerverbündete der USA in allen Fragen - soll angeblich planen, den UN-Waffeninspektoren mehr Zeit geben, klare Belege für irakische Massenvernichtungswaffen zu finden - gar bis zum Herbst! Unterdessen sucht Bush neue Freunde bei Neo-NATO-Mitglied Tschechien.

Der britische „Daily Telegraph“ berichtete am Donnerstag über Blairs angebliches Zögern und wirbelte damit die Medienlandschaft gehörig auf. „Der Premierminister hat deutlich gemacht, dass (...) den Inspektoren Zeit für die weitere Suche gegeben werden muss“, zitierte die Zeitung eine hohe Regierungsquelle. Ein Krieg könne, wenn überhaupt, erst im Herbst begonnen werden.

Regierung: Gerüchte "falsch!"
Die britische Regierung hat den Bericht, wonach sie sich um die Verschiebung eines Angriffs auf Irak um mehrere Monate bemühe, sofort scharf und deutlich dementiert. Die Angaben des "Daily Telegraph" seien "kategorisch falsch", sagte ein Sprecher des Premierministers. Die britische Regierung wisse "ganz genau, dass die Rüstungsdeklaration von Saddam Hussein falsch ist".

Streit im Kabinett
Mehrere britische Zeitungen berichteten zudem, innerhalb der Regierung in London gebe es Differenzen zum Thema Irak. Eine Äußerung von Außenminister Jack Straw, wonach die Gefahr eines Krieges auf 40 Prozent gesunken sei, wurde laut „Daily Mirror“ als „äußerst dumm“ bezeichnet. Blair sei „rasend“ über Straws Äußerungen. Der Labour-Abgeordnete Tam Dalyell nutzt die Gelegenheit, etwas für seine eigene Karriere zu tun: „Es ist Zeit für Jack Straw, seinen Rücktritt anzubieten.“

Franzosen strikt dagegen
In Frankreich lehnen nach jüngsten Meinungsumfragen mehr als zwei Drittel der Bevölkerung einen Waffengang ab. Laut einer Umfrage für „Le Parisien“ sprachen sich 66 Prozent gegen einen Irak-Krieg aus, Ipsos ermittelte für den Fernsehsender France-2 und
„Le Figaro“ sogar einen Wert von 77 Prozent.

Nur 15 Prozent der Befragten befürworten eine Beteiligung an einem Krieg an der Seite der USA. 39 Prozent wollen, dass sich ihre Regierung auf eine diplomatische Unterstützung beschränken sollte. Im August vergangenen Jahres waren CSA zufolge erst 58 Prozent der Franzosen gegen eine Militäraktion gegen Irak. Staatspräsident Jacques Chirac hatte die Streitkräfte am Dienstag aufgerufen, sich für alle Eventualitäten bereitzuhalten. Es könnten sich neue Kriegsschauplätze auftun.

Türkei macht Probleme
Die türkische Armee dementierte unterdessen Medienberichte, wonach sie ihre Truppen an der Grenze zu Irak verstärkt haben soll. Das Militär habe weder in Irak noch an der Landesgrenze Truppen zusammengezogen, sagte Generalstabschef Hilmi Ozkok. Die türkische Presse hatte in den vergangenen Tagen über einen bedeutenden Truppenaufmarsch an der irakischen Grenze berichtet.

Nach einem Bericht der „Washington Post“ rückte die Türkei stattdessen sogar von ihrer früheren Zusage ab, die USA in einem möglichen Irak-Krieg unterstützen zu wollen. Mehr als sechs Monate, nachdem Washington die Türkei um Erlaubnis gebeten hatte, Militärbasen auf ihre mögliche Nutzung in einem Irak-Krieg zu überprüfen, gebe es immer noch keine Antwort. Auch die U2-Spionageflieger der USA dürfen türkisches Territorium zwar jederzeit überfliegen, nicht jedoch den voll ausgerüsteten Stützpunkt Incirlik als Start- und Landebasis benutzen.

Neue Freunde
Im Falle eines Kriegs gegen Saddam soll jetzt offenbar auch Tschechien den USA zur Seite stehen. Washington habe darum gebeten, den tschechischen Luftraum nutzen und Truppen stationieren zu dürfen, sagte der tschechische Vize-Ministerpräsident Pavel Rychetsky am Mittwochabend dem privaten Radiosender Frekvence 1.

Zudem habe die US-Regierung den Einsatz einer tschechischen Schutzkompagnie gegen chemische und biologische Waffen angefragt, die derzeit in Kuwait stationiert sei. Die US-Regierung bat Prag außerdem, eine Sondereinheit nach Afghanistan zu entsenden.

Die Entsendung tschechischer Truppen ins Ausland bedürfe allerdings der Zustimmung des Parlaments.

9.1.2003 16:31