Mittwoch, 8. Jänner 2003

Südafrika streitet über das erlaubte Ausmaß an Gewalt

  • Bevölkerung leidet unter extremer Kriminalität
  • Gerichte wenden sich gegen jene, die sich mit Gewalt wehren

Ist es legitim, einen Vergewaltiger mit mehreren Messerstichen zu töten, um die Tat zu verhindern? Steht es im Verhältnis zur Gefahr, wenn ein bewaffneter Einbrecher selbst zu Tode geprügelt wird? In Südafrika - einem der gefährlichsten Länder der Welt - sorgen diese und ähnliche Fragen derzeit für heftige Debatten.

Nachdem die Zeitung "Star" von Fällen berichtete, in denen aus Notwehr Mord wurde, wurde sie mit Leserbriefen überhäuft. Während Polizei und Justiz zu Mäßigung mahnen, zeigt ein Großteil der Bevölkerung Verständnis für die teils heftigen Reaktionen von Opfern.

Bevor ihm die tödlichen Messerstichen zugefügt wurden, war der mutmaßliche Vergewaltiger in den Wohnwagen eines Paares eingebrochen und hatte versucht, die Frau sexuell zu missbrauchen. Nun steht das Paar wegen übermäßiger Anwendung von Gewalt vor Gericht. Auch gegen den 16-Jährigen, der ein Mitglied einer Einbrechergruppe mit einem Cricket-Schläger totschlug, wird ermittelt. Zuvor hatten die Eindringlinge seine Familie mit Messern und Spaten angegriffen, acht Angehörige kamen ins Krankenhaus. In einem weiteren Fall zerquetschte eine Frau einem mutmaßlichen Vergewaltiger die Genitalien - der Mann verlor das Bewusstsein und starb. Nun wiederum muss sich die Frau als Täterin verantworten.

"Sesseltheoretiker"
Polizeisprecherin Paula Nothnagel verteidigt das Vorgehen der Justiz. Sie zeigt sich entsetzt ob der Härte mancher Reaktionen von Opfern. "Würde ein vernünftiger Mensch mehrmals auf jemanden einstechen?", fragt sie. Die Antwort eines großen Teils der Bevölkerung heißt "Ja". "Es ist so einfach für selbstgefällige Sesseltheoretiker, hochtrabend zu reden", heißt es in einem Leserbrief an die "Star"-Redaktion. "Als vernünftiger Menschen würde ich sicherlich mehrfach auf den Angreifer einstechen, wenn es das ist, was ihn ruhig stellt."

Maschinengewehr gegen Bleistift?
Für den Jurist Kevin Hopkins, Dozent an der Universität Witwatersrand in Johannesburg, zählt dagegen die Verhältnismäßigkeit. "Wenn ich mit einem Bleistift angegriffen werden, kann ich mich nicht mit einem Maschinengewehr wehren." Aber auch da hält ein Leser dagegen: "Selbst ein Bleistift kann, wenn er in die falschen Hände gerät, zu einer tödlichen Waffe werden. Wenn nur ein Maschinengewehr in der Nähe ist, kann es nötig werden, es zu benutzen."

Regierung hilflos
Kritik muss sich in erster Linie die Regierung anhören. "Die Gesetzgeber können noch so viel über vernünftiges Handeln reden", schreibt ein Leser. Gesetze könnten einen Mann nicht daran hindern, einen Vergewaltiger zu töten, der sich an seiner Tochter oder seiner Frau vergreift. Es werde Zeit, dass die "so genannten" Gesetzgeber den Opfern mehr Rechte einräumten als den Tätern.

Mit seiner hohen Verbrechensrate ist Südafrika längst eines der gefährlichsten Länder der Welt. Nach offiziellen Angaben werden pro Jahr 21.000 Menschen ermordet. 53.000 Vergewaltigungen werden angezeigt. Die Dunkelziffer liegt erheblich höher.

In den Städten leben reiche - größtenteils weiße - Südafrikaner mittlerweile in regelrechten Hochsicherheitstrakten: In ihren exklusiven Wohnsiedlungen verschanzen sie sich hinter Stacheldrahtzäunen, in den Gärten patrouillieren Wachhunde, und die Bewohner haben stets einen Alarmknopf zur Hand, mit dem sie einen privaten bewaffneten Wachdienst zu Hilfe holen können. Farmer sind in ihren abgelegenen Häusern besonderen Gefahren ausgesetzt: Rund tausend Höfe werden pro Jahr angegriffen, rund 140 Menschen werden dabei ermordet.

Ein Land in Angst
Die Panik, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen, spiegelt sich auch in der südafrikanischen Waffenstatistik wider: Neben den vier Millionen registrierten Waffen sind Schätzungen zufolge weitere drei bis vier Millionen in Privatbesitz. Viele Südafrikaner haben beim Autofahren eine schussbereite Pistole auf ihrem Schoß liegen.

8.1.2003 09:21