Mittwoch, 1. Jänner 2003

"Prestige": Ölflecken an französischer Küste

  • Richter ermittelt gegen Madrid

Knapp sieben Wochen nach der Havarie der "Prestige" vor Spanien sind Ölflecken an die französische Atlantikküste südlich von Bordeaux gespült worden. Ob es sich tatsächlich um Schweröl aus dem Unglückstanker handelt, müsse aber noch geprüft werden, sagte ein Behördensprecher am Mittwoch. Möglich sei auch, dass andere Schiffe die Ölpest genutzt hätten, um ihre Tanks zu reinigen.

Die Klumpen seien auf einer Länge von acht Kilometern an den Stränden südlich des Ferienortes Biscarosse gesichtet worden. Eine Luftüberwachung habe ergeben, dass die Verschmutzung begrenzt sei.

Ölteppiche aus der "Prestige" waren zuletzt etwa 300 Kilometer vor den französischen Küsten entdeckt worden. Spanische Experten warnen aber schon seit Tagen, der starke Wind treibe die "schwarze Flut" aus rund 5.000 Tonnen Schweröl schneller nach Frankreich als vermutet.

In Spanien wird die Katastrophe ein gerichtliches Nachspiel haben. Ein Ermittlungsrichter in der von der Ölpest schwer betroffenen Gemeinde Corcubion will prüfen, ob die Regierung wegen ihrer Entscheidung, den Tanker aufs offene Meer zu schleppen, zur Verantwortung gezogen werden kann.

Die "Prestige" war am 19. November etwa 250 Kilometer vor der spanischen Atlantikküste auseinander gebrochen und 3.600 Meter tief gesunken. Etwa 30.000 Tonnen giftiges Schweröl strömten ins Meer. Experten meinen, das Schiff hätte in einen Hafen oder eine geschützte Bucht gebracht werden müssen, um die Ladung abzupumpen. Die Regierung weist alle Vorwürfe zurück.

Raue See und ein Sturm mit Windgeschwindigkeiten bis zu 100 Kilometern in der Stunde machten die Säuberungsarbeiten an der spanischen "Todesküste" am Mittwoch nahezu unmöglich. Auch die ausländischen Spezialschiffe, darunter die deutsche "Neuwerk", sowie das französische Mini-U-Boot "Nautile" konnten nicht auslaufen. Am Neujahrstag waren in der Region 9.000 Helfer im Einsatz, unter ihnen 3.000 Soldaten.

Die Ölpest kommt den spanischen Staat vermutlich weitaus teurer zu stehen als bisher angenommen. Nach einer von der Zeitung "La Voz de Galicia" in Auftrag gegebenen Studie könnten sich die langfristigen Schäden auf bis zu zehn Milliarden Euro belaufen. Diese Summe ergibt sich nach Schätzungen von Wirtschaftsexperten aus den notwendigen Investitionen für die Säuberungsarbeiten und die Regeneration der Küsten, die Subventionen für die Tausenden geschädigten Fischer und die Wiederbelebung der Wirtschaft in den betroffenen Regionen.

Pro Tonne an Land geschwemmten Öls müssen demnach zwischen 170.000 und 340.000 Euro aufgewendet werden. 90 Prozent dieser Kosten soll der Staat tragen, da es keine Versicherung gebe, die die Schäden einer solchen Katastrophe abdecke.

1.1.2003 13:07