Jesionek: Gerichts-Präsident ging in Pension
- "Impulsgeber für eine aufgeschlossene Kriminalpolitik"
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Mit Udo Jesionek (65) ging Jahresende der längst dienende Gerichts-Präsident in Pension: 21 Jahre stand er an der Spitze des Jugendgerichtshofes (JGH). Jesionek ist nicht nur in der nationalen und internationalen Fachwelt hoch angesehen, sondern - anders als viele seiner Amtskollegen - auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Immer wieder erregte er mit Vorschlägen und pointierter Kritik Aufsehen. Das Jugendgerichtsgesetz trägt seine Handschrift und er ist einer der Väter des Außergerichtlichen Tatausgleichs und der Diversion.
Das letzte dreiviertel Jahr seiner Amtstätigkeit kämpfte Jesionek um die Erhaltung seines Gerichtshofes. Dieser wurde - wegen der vorgezogenen Neuwahlen - zwar doch nicht aufgelöst, aber Justizminister Dieter Böhmdorfer (F) verlegte den JGH vom eigenen Gebäude in der Rüdengasse in das Landesgericht für Strafsachen.
Jesionek war - und bleibt - in Praxis, Wissenschaft, Rechtspolitik und früher auch in der Standesvertretung tätig. Jurist wurde er erst im zweiten Bildungsweg. Geboren am 22. November 1937 - wegen eines beruflichen Aufenthalts seines Vaters - in Berlin, absolvierte er in der Nachkriegszeit zunächst eine Lehre als Werkzeugmacher. Aber schon während der Lehrzeit machte er in Abendkursen die Matura nach. 1957 begann er zu studieren, erst Staatswissenschaft, dann Jus, 1962 promovierte er.
Er schlug sofort die Richterlaufbahn ein: Erst an Bezirksgerichten in Wr. Neustadt und Wien, seit 1973 am Landesgericht für Strafsachen, wo er 1980 Vizepräsident wurde. Am 1. Jänner 1982 wurde Jesionek Präsident des JGH.
In den 70er- und 80er-Jahren engagierte er sich in der Standesvertretung: 1972 bis 1984 war er Vorsitzender der Bundessektion Richter und Staatsanwälte in der GÖD; in der Richtervereinigung war er ab 1972 Vizepräsident, 1974 bis 1983 Präsident. In dieser Zeit erreichte er u.a. ein neues Dienstrecht für die Richter und gründete - zur Verbesserung der Ausbildung - gemeinsam mit Günter Woratsch das Fortbildungsseminar in Ottenstein, dessen wissenschaftlicher Leiter er bis heute ist.
Jesionek ist Vertreter einer aufgeschlossenen Kriminalpolitik, die sich an Menschlichkeit und Vernunft orientiert - getreu den Grundsätzen, die Justizminister Christian Broda (S) für die Große Strafrechtsreform 1974 vorgab. Stets betonte er die "zutiefst politische" Funktion in Rechtserzeugung und -anwendung, parteipolitische Befangenheit lehnte er aber ab. Seine Haltung zum Strafrecht ist von seinem Bekenntnis als evangelischer Christ geprägt.
"Versöhnung zwischen den durch eine Straftat betroffenen Teilen, und das sind nicht nur Täter und Opfer, sondern auch die durch die Straftat mitgetroffene und beunruhigte Bevölkerung, ist allemal humaner und sinnvoller als lineare Vergeltung, die nur zu dem vom Täter begangenen Übel ein weiteres hinzufügt, das die Gesellschaft am Täter begeht", ist einer der Programmsätze Jesioneks - der den von ihm maßgeblich mitgestalteten Außergerichtlichen Tatausgleich prägt. Erst im Jugendbereich erprobt, wurde der Täter-Opfer-Ausgleich 1999 - gemeinsam mit anderen neuen Reaktionsarten auf Straftaten - auch für die Erwachsenen als "Diversion" eingeführt.
Im Strafvollzug tritt Jesionek dafür ein, Täter zwar "vernünftig" zu strafen, ihnen aber zu helfen, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Dies versucht er, in der Bewährungshilfe - heute "Neustart" - umzusetzen, von 1979 bis 1999 als stv. Obmann und heute als Ehrenmitglied. Ein "Herzensanliegen" ist Jesionek die Opferhilfe: 1978 gründete er den "Weißen Ring" mit, seit 1991 ist er Präsident. Jesionek gehört vielen weiteren Organisationen und Gremien an, u.a. dem Menschenrechtsbeirat.
Jesioneks wissenschaftliche Tätigkeit schlug sich nicht nur in einer Vielzahl von Vorträgen und Publikationen nieder. Seit 1981 lehrt er an der Uni Linz, seit 1990 als Honorarprofessor für Jugendstrafrecht und Strafvollzug. Dass das österreichische Jugendstrafrecht international renommiert und oft Vorbild ist, ist Jesioneks Engagement - bis nach Japan - zu verdanken. Seine "internationale Bedeutung als Impulsgeber für eine aufgeschlossene Kriminalpolitik" wurde in einer Festschrift zu seinem 65. Geburtstag gewürdigt.
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