Montag, 23. Dezember 2002

Von blauen Trauben und weißen Pferden

Im Herbst, wenn man zu gebratenen Kastanien den jungen Schilcher kostet, gleicht die Weststeiermark eher einem Rummelplatz als einer idyllischen Weinlandschaft. Wesentlich ruhiger geht es im Winter oder Frühling zu – und der Wein schmeckt genauso gut.

In Ligist, wo die Schilcherweinstraße im Norden beginnt, sieht man auf den ersten Blick, was ihr Wesen ausmacht: extrem steile Weingärten und darinnen oder darauf kleine, gemütliche Buschenschenken mit herrlichem Ausblick.

Schon auf der Weiterfahrt nach St. Stefan ob Stainz findet man gleich mehrere hochkarätige Schilcherproduzenten, die einen Zwischenstop geradezu unabdingbar machen.
In Gundersdorf sind es Max Grinschgl und Josef Fuchs-Maierhofer, in dessen Gasthaus „Florlwirt“ sich die kühlen Tropfen gleich zu deftigen Gerichten aus der Regionalküche verkosten lassen, ehe man noch das Winzigweingut von Anton Spari in Neuberg heimsucht, um nachzusehen, ob man vielleicht noch das eine oder andere Fläschchen ergattern kann – es steht sich jedenfalls dafür, es zu versuchen.

Auf dem Buschenschank-Parcours
Versuchen ist übrigens das richtige Wort, nicht zuletzt deshalb, weil es mit suchen zu tun hat und damit verbringt man hier nicht wenig Zeit. Viele Adressen liegen zwar auf dem Gemeindegebiet von St. Stefan ob Stainz, sind aber winzigen Orten zugehörig, die sich auf den Bergen und Kogeln der Region schön verteilen.

In Langegg etwa stößt man auf ein ganzes „Nest“ von Buschenschenken, deren bekanntester wohl der von Josef Lazarus, vulgo Pers, ist. Unweit davon befinden sich mit Eduard Oswald, vulgo Trapl und Hubert Strohmeier zwei weitere Spitzenproduzenten des edlen Rebensaftes, von dem stets viel zuwenig in den Kellern liegt.

Dass die massierte Ansammlung von guten Adressen in und um Langegg besonders an schönen Sommer- und Herbstwochenenden zu einer regelrechten Touristen-Überflutung führt, soll hier nicht verschwiegen werden. Andererseits kann man hier an stilleren Tagen nach wie vor ein gutes Glas Schilcher, eine deftige steirische Jause und vor allem eine unvergleichliche Aussicht über St. Stefan, Stainz und das weitere Umland genießen.

Promi-Ansitz beim „Jagawirt“
Eine Tatsache, die sich längst bei der überregionalen Prominenz herumgesprochen hat, die sich mit dem „Jagawirt“ in Sommereben bei Greisdorf auch gleich ein bevorzugtes Plätzchen gesucht hat. Man muß freilich zugeben, dass die Damen und Herren Prominenten dabei durchaus guten Geschmack bewiesen haben. Denn abgesehen von der – selbstverständlich – exzellenten Lage mit dazugehöriger Aussicht, hat es die Familie Goach verstanden, hier ein kleines kulinarisches Paradiesgärtlein zu schaffen, das einerseits die Sehnsucht des Stadtvolkes nach unverfälschter Natürlichkeit befriedigt andererseits hohe Perfektion bietet und keinen – urbanen – Komfort vermissen lässt.

Etwas weiter unten, sozusagen im Herzen von Greisdorf, findet sich mit dem besonders für sein Backhendl gerühmten Gasthaus Jochum zwar ein weniger bekannter Betrieb, der aber nicht nur mit einem idyllischen Gärtlein und gepflegter Atmosphäre im liebevoll hergerichteten, alten Haus aufwarten kann, sondern auch durchaus verkostenswerte Weine aus dem eigenen Anbau ausschenkt, allemal eine gute Alternative.

Kultur im Weinland
Was man hier aus luftiger Bergeshöh’ längst ausgemacht hat, läßt sich, wieder im Tale angelangt, aus der Nähe besichtigen: das Schloß Stainz mit seiner beeindruckenden barocken Stiftskirche und der Dependance des steirischen Landesmuseums Joanneum ist auch für kuturell wenig beleckte Weinpilger zumindest einen Kurzbesuch wert.
Verläßt man Stainz wieder, so hat man einmal die Möglichkeit, die Bundesstraße 76 zu nehmen und in Rassach die Vinothek „Schlicherstöckl“ zu besuchen. Hier werden neben Erzeugnissen aus bäuerlichem Kunsthandwerk rund 40 Schilcher zur Verkostung und zum Kauf angeboten; eine ideale Anlaufstelle, um sich einen Überblick über das Weinangebot der Region zu verschaffen.

Apropos Überblick: den hat man, wenn man von Stainz aus weiter der Weinstraße folgt und nach einer mittleren Bergfahrt auf das durchaus zurecht so benannte Gasthaus „Engelweingarten“ auf dem Stainzer Kogel stößt. Ruhigste Lage, eine Aussicht, die wieder einmal nicht mehr zu überbieten scheint und dazu eine köstlich verfeinerte steirische Küche mit den entsprechenden Weinen können schon dazu führen, daß man hier tatsächlich die Englein singen hört.

Wo der Schilcher herkommt
Nach diesem Höhenflug stürzt man sich wieder in die Tiefe, der Schilcher-Weinstraße folgend vom „Gamsgebirg“ nach Bad Gams und dann weiter nach Deutschlandsberg, wobei auf dieser Strecke immer wieder Abzweigungen in die steilen Weinberge hinaufführen und dazu verlocken, einige der zahlreichen Buschenschenken zu suchen und zu erproben.
Deutschlandsberg selbst ist nicht nur von Weinbergen und Buschenschenken, sondern auch von einer Reihe von Burgen und Schlössern umgeben.

Im Norden Schloss Wildbach, dem die „Schilcher-Rebe“ ihren Namen und Kunstfreunde einige der schönsten Kompositionen Franz Schuberts verdanken, Schloss Deutschlandsberg mit schönen Gästezimmern und einem guten Restaurant gleich oberhalb des Ortes und schließlich, etwas weiter südlich das verträumte Märchenschloss Hollenburg, dessen Arkadenhof besonders sehenswert ist. Noch weiter südlich, in der Region rund um Wies und Eibiswald findet man mit Erich Kuntner in St. Ulrich in Greith, Christian Reiterer in Lamberg und Johann Jöbstl in Wernersdorf einige der besten Schilcherproduzenten.

Jöbstl, ein Alleskönner im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion, ist übrigens für seine exzellenten Brände noch weit bekannter als für seinen Schilcher; und so einen guten Schnaps hat man sich doch nach dieser Tour durch das Schilcherland wohl verdient, oder?

23.12.2002 12:45
GUSTO-Rezeptsammlung