Donnerstag, 26. Dezember 2002

ÖSV-Adler: Konkurrenz rätselt über Mannschafts-Stärke

  • Weißflog: "Mich begeistert die stabile Fluglage"

Vier Siege, zehn Platzierungen in den Top drei, Führung im Gesamt-Weltcup und überlegener Platz eins in der Nationenwertung. Österreichs Skispringer haben in den ersten acht Saisonbewerben erstmals seit vielen Jahren die Szene dominiert und mit Andreas Kofler, Mathias Hafele und Florian Liegl auch noch drei neue Gesichter neben den Arrivierten in der Weltspitze etabliert. Kein Wunder, dass die internationale Konkurrenz nervös geworden ist und über die Hintergründe dieser Metamorphose zum besten Team der Welt rätselt.

"Mich begeistert die stabile Fluglage, auch die Jungen springen technisch unwahrscheinlich stark", meinte der frühere Dominator Jens Weißflog in einer eigenen "Ösi"-Analyse für das deutsche Fernsehen. Weißflog ortete einen Hüftknick und ein besonderes Annähern des Oberkörpers in Richtung Ski. Leute wie Kofler oder Hafele hätten einen "eigenen Stil" entwickelt. Weiters, so mutmaßte Weißflog weiter, habe man nun einen sehr guten, eigenen Anzug und auch bei der Geschwindigkeit im Anlauf liege das ÖSV-Team immer mit vorne.

ÖSV-Sportdirektor Toni Innauer freut es natürlich, dass man nun wieder auf seine Mannen blickt. In Sachen "Trick mit dem Hüftknick" enttäuschte der Vorarlberger aber Analysator Weißflog. "Der Hüftknick ist nichts Neues", erklärt Innauer und auch die überlangen Anzug-Ärmel, die Weißflog bemerkt hat, habe man schon im Vorjahr gehabt. Aber: "Jens hat schon richtig erkannt, dass man mit unterschiedlichem Material auch unterschiedliche Sprungtechniken anwenden muss."

Für Innauer ist die erfreuliche Situation eine Bestätigung dafür, dass die Entscheidung, sich in Sachen Anzug-Erzeugung auf eigene Füße zu stellen, richtig war. Als man noch völlig von der deutschen Firma Meininger abhängig war, wusste die Konkurrenz natürlich wesentlich mehr. "Nun ist der Anzug eine österreichische Sache und das ist sehr wichtig." Die Anzüge der Firma Schneider aus Salzburg sind von der FIS natürlich schon mehrmals überprüft und für regelkonform befunden worden. Der Skepsis aus verschiedenen Lagern wurde damit gleich ein Riegel vorgeschoben.

Ein anderer Vorteil ist es freilich, dass die Springer nun nicht mehr mehrere Stunden nach Deutschland reisen müssen, nur um Abmessungen für neue Anzüge zu machen. Eine verminderte Reisetätigkeit war auch dank dem fertig gestellten Berg-Isel gegeben, man konnte vermehrt in unmittelbarer Nähe trainieren und nach zwei Tagen Pause eben wieder die kurze Anreise auf sich nehmen.

Natürlich sind es nicht nur diese Faktoren, sondern auch die ohnehin schon viel zitierte Strukturänderung im ÖSV selbst. "Unsere jungen Talente finden erstmals professionelle Möglichkeiten vor. Sie profitieren jetzt auch direkt auch von Fehlern, die wir schon gemacht haben." Ein weiterer Faktor, so Innauer, sei auch die Gewichtsoptimierung. In Sachen Ernährung und der Vorgabe, leicht und leistungsfähig zu sein, hat man Fortschritte gemacht.

Schließlich erweist sich der Schachzug, dem erfahrenen Toptrainer Hannu Lepistö zwei "hungrige" Jungcoaches zur Seite zu stellen, als goldrichtig. "Die Mischung aus Alt und Jung funktioniert sehr gut", sagte Co-Trainer Horngacher und meint damit auch das neue Mannschaftsgefüge. Jahre lang war der A-Kader quasi einbetoniert, von unten kam zu wenig nach. Der frische Wind hat auch bei Routiniers wie Goldberger ein neues Feuer angefacht. Hinzu kommt, dass Alex Pointner, im Vorjahr noch Co-Trainer des A-Teams, sich in der Trainingsgruppe II in die Arbeit verbissen hat. "Wir haben auch dank der fertigen Berg-Isel-Schanze bis Anfang November mit den Jungen lange auf der Matte trainiert und sind erst kurzfristig auf Schnee gewechselt", erzählt Pointner, aus dessen Team auch Reini Schwarzenberger wieder in die A-Mannschaft aufgerückt ist.

26.12.2002 10:57