Montag, 23. Dezember 2002

"Cowboy" Bush gibt sich zu Weihnachten friedlich

  • Skalpell statt Machete?

Zu den Festtagen hat George W. Bush gemeinsam mit Frau Laura eine überaus friedliche Weihnachtskarte verschickt. Etwa eine Million Empfänger lesen darin: "Mögen Liebe und Frieden Ihr Herz und Heim während der Feiertage und im ganzen Neuen Jahr erfüllen." Und in seiner Rundfunkansprache am Samstag versprach Bush, ungeachtet aller Gefahren und Herausforderungen "weiter das Versprechen von Frieden auf Erden zu suchen".

Der Mann, den die Karikaturisten als raubeinigen Cowboy schildern, der das Weiße Haus mit einem Western-Saloon verwechselt, gibt sich am Ende seines zweiten Amtsjahres eher versöhnlich und ausgleichend als provokativ. Das wird im Irak-Konflikt besonders deutlich. Er verspricht einen besonnenen Kurs im Kreise der Alliierten an Stelle eines abenteuerlichen Alleingangs.

Sein Sprecher Ari Fleischer förderte den Begriff "deliberative" (abwägend) zutage, um die Haltung des Präsidenten zu beschreiben. Der ist in Kurz-Wörterbüchern jedoch nicht zu finden und hat Beobachter zum Blättern in detaillierteren Nachschlagewerken gezwungen.

Bloß Ruhe vor dem Sturm?
Doch das endgültige Urteil steht noch aus. So mancher traut dem Frieden nicht und fragt sich: Ist nun dies der wahre George W. Bush, der aus Erfahrung gelernt hat? Oder ist es die frühere Ausgabe? Dieser hat als Chef der einzigen Supermacht der Welt klar gemacht, dass er "von niemandem Ratschläge" brauche. "Ich tue, was ich für richtig halte", bedeutete Bush.

Für den Fall, dass sich die Vereinten Nationen wieder einmal als bloßer "Debattierverein" erweisen sollten, hat er die Option eines US-Angriffs auf Bagdad eingeplant. Gegen den Widerstand des großen Restes der Welt hat der Republikaner das Umweltschutzabkommen von Kyoto abgelehnt, den Bau eines Raketenabwehrsystems eingeleitet und allgemein international so viel Porzellan zerschlagen, dass beim Namen Bush niemandem der Begriff der Konzilianz in den Sinn kommt.

Dass die Skepsis durchaus begründet ist, zeigt das letzte Beispiel Bush'scher Zurückhaltung. Als der republikanische Senatsführer Trent Lott durch rassistische Äußerungen in Schwierigkeiten geriet, erklärte Bush knapp, die Äußerungen entsprächen nicht dem Geist des Landes. Danach hüllten sich der Präsident und seine wichtigen Sprecher in Schweigen und praktizierten einen Kurs des "Hände weg". Doch zahllose ungenannte Beamte verbreiteten über die Medien, dass Lott nicht mehr erwünscht sei. Wie zufällig tauchte der Name von Bushs Vertrautem, des Mediziners Bill Frist, als Favorit für Lotts Nachfolge in der Diskussion auf.

"Mit Signalen und Manövern orchestriert Bush einen Rauswurf", teilte die "New York Times" ihren Lesern mit. Die US-Presse betrachtet die Affäre nicht als ein Beispiel für Bush, den friedvollen "Konservativen mit Herz", sondern einen gerissenen Politiker und Strategen. "Sie kriegen einen geschickten Chirurgen, um den Senat zu führen, und sie benutzten das Geschick eines Chirurgen, Lott zu entfernen, ohne irgendwelche Fingerabdrücke zu hinterlassen", kommentierte Robert Strauß, ein früherer Geschäftsführer der Demokratischen Partei. "Cowboy Bush" also mit Skalpell statt Machete? Ob man seine Politik nun möge oder nicht, meinte Strauß, Bushs Weißes Haus habe ein Meisterstück abgeliefert.

23.12.2002 08:30