Frankreich: ETA-Militärchef entkommt aus Polizeizelle
- 120.000 Menschen demonstrieren in Bilbao gegen ETA
Der mutmaßliche Militärchef der baskischen Separatistenorganisation ETA, Ibon Fernandez de Iradi, ist drei Tage nach seiner Festnahme aus dem Polizeigewahrsam der südwestfranzösischen Stadt Bayonne entkommen. Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, kletterte der 31-Jährige, der auch unter dem Tarnnamen "Susper" bekannt ist, in der Nacht durch eine enge Luke aus seiner Zelle. In Bilbao beteiligten sich am Sonntag tausende Menschen an einem Schweigemarsch gegen die Untergrundorganisation.
An die 120.000 Menschen haben am Sonntag in der spanischen Stadt Bilbao mit einem Schweigemarsch gegen die Untergrundorganisation ETA demonstriert. Die Teilnehmer des Protests, zu dem die gemäßigte baskische Regionalregierung aufgerufen hatte, forderten auf Plakaten die Auflösung der ETA. An dem Schweigemarsch beteiligten sich Politiker aller Parteien in der Region, mit Ausnahme der baskischen Vertreter der Volkspartei (PP) von Ministerpräsident Jose Maria Aznar.
Die PP bezeichnete die Demonstration als Taktik des baskischen Präsidenten Juan Jose Ibarretxe. Die Regionalregierung in Madrid wirft Ibarretxe vor, nicht hart genug gegen die ETA vorzugehen. Die baskische Regierung erklärte, der Schweigemarsch sei schon seit Wochen geplant gewesen und sei keine Reaktion auf den Tod eines Polizisten in der vergangenen Woche. Der Beamte war nahe Madrid von mutmaßlichen ETA-Mitgliedern erschossen worden.
Flucht von ETA-Militärchef
Fernandez de Iradi war nach Informationen der spanischen Ermittler der Chef der Terrorkommandos der ETA. Seine Festnahme war in Spanien als einer der größten Erfolge der vergangenen Jahre im Kampf gegen die ETA gefeiert worden. Der große und schmale ETA-Mann zwängte sich bei seiner Flucht nach Polizeiangaben durch eine Luke ohne Gitterstäbe, die der Belüftung dient. Sie führt auf den Hof des Polizeikommissariats. Von dort muss er über eine Mauer oder ein hohes Gitter gestiegen sein. Ob er Helfer hatte, war zunächst nicht bekannt.
Die Beamten stellten die Flucht erst später fest. Sie hatten angenommen, der Festgenommene schliefe. Die Gendarmerie löste eine Großfahndung aus. Wie Spaniens Innenminister Angel Acebes in Madrid mitteilte, hat sein französischer Amtskollege Nicolas Sarkozy ihm versichert, dass er persönlich die Ermittlungen leiten werde. Die Flucht von "Susper" sei eine "negative Randnote" in einer ansonsten erfolgreichen Woche, sagte Acebes.
Die französische Polizei hatte bei ihren jüngsten Razzien in dem Ort Tarbes die Befehlszentrale der ETA ausgehoben und neun mutmaßliche ETA-Terroristen festgenommen. Vor zwei Jahren war schon einmal ein hoher ETA-Führer der französischen Polizei entkommen. Felix Alberto Lopez de Lacalle alias "Mobutu" flüchtete im November 2000 aus einem Hotel, in dem er unter Polizeiüberwachung gestanden hatte. "Mobutu" gilt heute als einer beiden höchsten Chefs der ETA.
Die ETA drohte derweil mit Terroranschlägen in spanischen Ferienorten im Sommer nächsten Jahres. Diese Drohung ist nach Presseberichten in Schreiben enthalten, die die Organisation an die Botschaften mehrerer Staaten in Madrid verschickt hat. Darin heißt es, dass spanische Ferienzentren im Sommer 2003 Ziele von Anschlägen sein könnten. Spanische Diplomaten wiesen darauf hin, dass solche Drohbriefe keine neue Erscheinung seien. In der Vergangenheit hätten die Botschaften in Madrid solche Schreiben zuweilen "in alphabetischer Reihenfolge beginnend mit Australien" erhalten.
Die spanische Regierung will die Strafgesetze für Terroristen verschärfen. Wie die Zeitung "El Mundo" berichtete, sollen wegen Mordes verurteilte Terroristen die Höchststrafe von 30 Jahren Haft künftig vollständig verbüßen, sofern sie sich vom Terror nicht lossagen. In Bilbao demonstrierten am Sonntag Tausende von Basken gegen den Terror der ETA. Zu der Kundgebung hatte die autonome Regierung des Baskenlands aufgerufen. Als einzige Partei lehnte die konservative Volkspartei (PP) des spanischen Ministerpräsidenten Jose Maria Aznar eine Teilnahme ab. Die ETA kämpft seit Jahrzehnten für ein unabhängiges Baskenland. Sie wird für mehr als 800 Todesopfer seit 1968 verantwortlich gemacht.
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