Freitag, 20. Dezember 2002

Afghanistan schließt TV-Sender

  • Wegen unmoralischer Programme geschlossen
  • Oberster Richter kritisiert auch gemischte Schulklassen

Wegen des Vorwurfs "unislamischer" Berichterstattung hat der Präsident des Obersten Gerichts Afghanistans fünf Fernsehsender schließen lassen. Der Oberste Richter kritisierte auch den gemeinsamen Schulunterricht für Mädchen und Jungen, der gegen das islamische Recht verstoße. "Leute, die Beschwerden beim Obersten Gericht (gegen die Sender) eingelegt haben, sagten, sie hätten halb-nackte Sänger und obszöne Szenen aus Spielfilmen gezeigt", sagte der Oberste Richter, Maulawi Fasl Hadi Shinwari am Dienstag.

Die Betreiber der betroffenen Sender verwiesen auf ihre von der Regierung ausgegebenen Lizenzen. "Sie wussten, welche Art von Programmen wir ausstrahlen, als wir die Lizenz für den Sendebetrieb erhielten", hieß es aus Sender-Kreisen. Weiter hieß es aus der selben Quelle, die Schließung der Sender sei Teil eines Machtkampfes zwischen radikal-islamischen und westlich orientierten Mitgliedern der Regierung von Präsident Hamid Karsai. Ihr gehören sowohl in westlichen Ländern ausgebildete Politiker als auch ehemalige Mudschahedin an, die in den 80er Jahren gegen die sowjetischen Besatzungstruppen und später gegen die Herrschaft der radikal-islamischen Taliban gekämpft hatten.

Die Fernsehstation Deutsche Welle TV in Berlin teilte mit, dass die von dem Sender produzierten täglichen Nachrichtensendungen in den Landessprachen Dari und Paschtu nicht betroffen seien und weiter über das staatliche afghanische Fernsehen ausgestrahlt würden. Die Kooperation läuft seit August 2002.

Shinwari sagte ferner, gemeinsamer Unterricht für Mädchen und Jungen sei im Islam nicht gestattet, "und ich will, dass das Recht des Islam umgesetzt wird". Es komme nun auf die Regierung und das Bildungsministerium an, ob sie dem Gesetz folgten. Die Taliban-Regierung hatte Frauen jegliche Ausbildung verboten. Erst nach dem Sturz der Taliban im Dezember 2001 waren hunderttausende Mädchen wieder zum Schulunterricht erschienen.

20.12.2002 20:35