Schiitische Auslegung erlaubt im Iran "Ehe auf Zeit"
- Vor allem junge Leute nutzen praktische Einrichtung
- Nachteile in erster Linie für Frauen
Ihren im Jänner auslaufenden Vertrag über die "Ehe auf Zeit" wird Sareh nicht verlängern. "Ich liebe ihn nicht mehr", sagt die 26-jährige Iranerin über ihren - vorübergehenden - Mann. Als sich die bereits einmal geschiedene Frau auf die zeitlich befristete Ehe mit dem streng religiösen Moslem einließ, ging es ihr um Sicherheit für sich und ihre sechsjährige Tochter. Dass er sie schlagen würde, ahnte sie nicht. Und sie will es auch nicht länger hinnehmen: "Ich glaube, ich habe etwas Besseres verdient."
Die zeitlich begrenzte Verbindung, die so genannte Sigheh, ist ein Ergebnis innovativer schiitischer Interpretationen islamischen Rechts - eine Praxis, die die meisten Sunniten erschaudern lässt. Ursprünglich auf die Bedürfnisse von Pilgern zugeschnitten, deren Ehefrauen zu Hause saßen und die unterwegs nicht auf ihren Spaß verzichten wollten, hat sich die Sigheh zu einem beliebten Instrument junger Leute in Iran gewandelt. Gefördert wurde die Zeitehe durch den Überschuss an Single-Frauen, viele von ihnen Kriegswitwen. Für Geschiedene wie Sareh sähe es ohne die Sigheh düster aus, denn keine gläubige Familie würde sie jemals aufnehmen.
Der damalige Staatspräsident Haschemi Rafsandschani warb nach dem verlustreichen Krieg gegen Irak in Freitagsgebeten für die Sigheh. Die Jugend müsse ihre "nicht zu leugnenden" Bedürfnisse stillen können, hatte er die einzigartige Einrichtung damals gerechtfertigt. Befürworter sehen in der Regelung, die eine Verbindung zwischen einer Stunde und 99 Jahren erlaubt, gar eine Lösung für die zwar verbotene, aber hartnäckige Prostitution.
Ehe so einfach wie Autokauf...
Seit März traten in Iran 271 "zeitweise" Paare vor den Notar - eine mehr als 120-prozentige Steigerung im Vergleich zum Vorjahr. "Es ist so einfach wie ein Autokauf", freut sich Ali, ein Taxifahrer in Teheran. "Alte Autos funktionieren nicht mehr so gut - genau wie alte Frauen."
Im Übrigen, geben die Fürsprecher der Ehe auf Zeit zu bedenken, ließen sich dadurch die immensen Kosten einer unbefristeten Ehe eindämmen - denn in diesem Fall verlangt die iranische Tradition nicht nur ein großes Fest für die ganze Verwandtschaft, sondern auch einen vollständig eingerichteten Haushalt. Und überhaupt sei es doch praktisch, wenn sich das Eheleben vor einer endgültigen Entscheidung erst einmal mehr oder weniger unverbindlich testen ließe.
Nachteile in erster Linie für Frauen
Für Frauen birgt die befristete Heiratsregelung aber einige Unwägbarkeiten. Verbindlich ist die Dauer der Sigheh nur für sie. Selbst wenn ein Mann das islamische Gesetz schon ausschöpft, indem er sich vier Ehefrauen gleichzeitig hält, kann er trotzdem noch beliebig viele "Frauen auf Zeit" haben. Er muss dafür nicht einmal die anderen um Erlaubnis bitten. Und wenn er stirbt, erben nur die "echten" Ehefrauen - die befristeten gehen leer aus.
"Die größten Verlierer bei diesem Geschäft sind die Frauen - und die Kinder, die aus solchen Verbindungen hervorgehen", meint eine Islamistik-Professorin an der Universität Imam Sadegh in Teheran. "Bei dieser Praxis geht es um Verblendung, Launen und kurzzeitige Bedürfnisse."
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