Dienstag, 17. Dezember 2002

Deutscher Indiana Jones jagt Himmelsscheibe v. Nebra

  • 3.600-jährige Bronzescheibe - seltene Geschichts-Darstellung
  • In letzter Minute Schwarzhändlern entrissen

Die Rettung der "Himmelsscheibe von Nebra" in Sachsen-Anhalt ist ein filmreifer Archäologenkrimi. "Eigentlich müsste auch Hollywood schon längst am Drehbuch sitzen", scherzt Landesarchäologe Harald Meller. Er jedenfalls schreibt schon an zwei Büchern über die Abenteuer.

Immerhin spielte der 42-jährige Wissenschafter, der auch Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle ist, die Hauptrolle in dem spannenden Stück. "Neben der wissenschaftlichen Publikation wird es im nächsten Jahr ein Buch mit näheren Einzelheiten und Umständen der Rettung des Jahrhundertfundes in unterhaltsamer und allgemein verständlicher Form als Fact-Story geben", sagt Meller. "Bei meinen Treffen mit den Hehlern hatte ich Einblicke in eine ganz finstere Szene." Um die vielen kleinen Details nicht zu vergessen, hatte er sofort seine Erlebnisse auf Tonband gesprochen.

Der Landesarchäologe war dem grünlich schimmernden Diskus seit Frühsommer 2001 auf der Spur gewesen. Damals zeigte ihm sein Kollege Wilfried Menghin beim Besuch im Vorgeschichtsmuseum Berlin ein paar verschwommene Fotos von der Scheibe. "Ich war sofort wie elektrisiert und dachte nur, hoffentlich ist der Fund echt", erinnert sich Meller.

Schließlich konnte er die Himmelscheibe am 23. Februar 2002 in letzter Minute den Händen der Schwarzmarkthändler entreißen. "Die fingierte Verkaufsaktion im Basler Hilton Hotel in der Schweiz war nicht ganz ungefährlich", sagt Meller. Zusammen mit der Scheibe konnten auch zwei Schwerter, zwei Randleistenbeile, ein Meißel sowie mehrere Armringe aus Bronze sichergestellt werden.

"Der erfolgreiche Zugriff, an dem 50 Beamte beteiligt waren, ist auch das Ergebnis einer beispiellos guten Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und den deutschen Behörden", lobt Oberstaatsanwalt Ingo Sierth aus Halle die Aktion. Die Staatsanwaltschaft Halle ermittelt gegen acht Personen wegen Fundunterschlagung und Hehlerei.

"Die Bronzescheibe mit den konkreten astronomischen Abbildungen ist in Mitteldeutschland angefertigt worden", sagt der Archäo-Astronom der Ruhruniversität Bochum, Wolfhard Schlosser, und erklärt: "Das zeigen deutliche topographische Bezüge zum Brockenmassiv im Harz." Nach seinen Erkenntnissen verarbeiteten die Handwerker uraltes menschliches Erfahrungsgut.

Die 3.600 Jahre alte Bronzescheibe ist die älteste kosmologische Darstellung der Menschheitsgeschichte. Auf der zwei Kilogramm schweren, fast kreisrunden Scheibe mit einem Durchmesser von 32 Zentimetern befinden sich Goldauflagen, die von den Archäologen als Schiff, dazu Mond, Sonne und Sterne oder vielleicht auch Mond und Vollmond gedeutet werden. Eine Ansammlung von sieben Goldpunkten ist als Sternenhaufen der Plejaden in einer Konstellation wie vor 3.600 Jahren zu erkennen.

"Die Scheibe sorgt wie kein anderes Objekt auch weltweit für positive Schlagzeilen und zeigt Sachsen-Anhalt als ein Land mit reicher prähistorischer Vergangenheit", freut sich Meller. Seit dem 25. September heißt der prähistorische Fund offiziell "Himmelsscheibe von Nebra". Die Ausgrabungen am Fundort, auf der Bergkuppe des 252 Meter hohen Mittelberges im Ziegelrodaer Forst bei Nebra, werden im März 2003 weitergeführt.

Die Arbeiten werden auch von der renommierten US-amerikanischen Wissenschaftszeitung "National Geographic" finanziert. Meller hat den Amerikanern einen Teil der Fotorechte für mehrere zehntausend Euro verkauft. Ein Teil des Erlöses von Fan-Artikeln wie T-Shirts und Tassen mit der Abbildung der Himmelsscheibe kommt den Forschungsarbeiten zugute.

"Allerdings stammt die Himmelsscheibe nicht aus einer versunkenen Hochkultur. Den Menschen der Bronzezeit fehlt dafür das wichtigste Merkmal, die Schriftsprache", sagt der Direktor und meint: "Das waren auch keine Ur-Germanen. Wir wissen einfach noch nicht, was das für Menschen waren. Sie hatten keine Städte, sondern wohnten in 30 bis 40 Meter langen Häusern als Ackerbauern in Dörfern mit Stammesfürsten."

17.12.2002 09:20