Montag, 16. Dezember 2002

Eigeninitiativen gegen Afrikas Krisen versanden

  • Spielfeld fremder Machtinteressen trotz mehr Selbstvertrauen
  • Terror überschattet Bemühungen um Konsolidierung

Als hätte Afrika nicht genug davon, greifen nun auch noch Konflikte anderer Teile der Welt auf den Kontinent über. "Der Terrorismus kommt nach Afrika", warnte Kenias Präsident Daniel arap Moi nach den Anschlägen auf israelische Ziele in der Küstenstadt Mombasa.

Während der Kontinent immer mehr zur Zielscheibe für Terroristen und Kampfbasis ausländischer Antiterror-Krieger wird, bemüht er sich immer stärker, seine hausgemachten Konflikte in Eigenregie zu lösen.

"Mit der Afrikanischen Union und dem Wirtschaftsrettungsplan NePAD ist das Selbstbewusstsein der Afrikaner gewachsen", meint ein Analytiker der Organisationen "Internationale Krisengruppe" (ICG). "Und mit dem neuen Selbstverständnis wächst auch das Verlangen, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen", sagt Francois Grignon in Kenias Hauptstadt Nairobi. Als sich im September mit der Cote d'Ivoire (Elfenbeinküste) auch noch das früher stabilste Land Westafrikas nach einem Soldatenaufstand in den Reigen der Krisenländer gesellte, rief zwar die Regierung von Präsident Laurent Gbagbo nach dem ehemaligen französischen Kolonialherrn. Doch die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS machte schnell klar, dass eine Vermittlung im Konflikt allein afrikanische Sache sei.

Während sich Länder wie Senegal, Ghana und Nigeria als Zugpferde des Westens hervortun, baut Südafrikas Präsident Thabo Mbeki eifrig an der afrikanischen Großmacht am Kap. Unter südafrikanischer Vermittlung schlossen Regierung und eine der Hauptrebellengruppen in Burundi in diesem Monat einen Pakt zur Beendigung ihres neun Jahre währenden Bürgerkriegs. Und im angrenzenden Kriegsland Demokratische Republik Kongo (Ex-Zaire) rangen Vermittler aus Pretoria den Konfliktparteien die Zusage zu einer Übergangsregierung ab, um dem Riesenreich nach über vier Jahren einen Weg aus Krieg und Elend zu weisen. Südafrikanische Soldaten sollen zudem den Waffenstillstand im weiterhin umkämpften Ostkongo besser bewachen, als es die UNO-Blauhelme bisher konnten.

"Dass afrikanische Staaten die Verantwortung für afrikanische Konflikte übernehmen, ist ohne Frage ein wachsender Trend", sagt Afrika-Experte Grignon. "Vielversprechend klingt zunächst, dass die Konfliktstaaten das Gefühl haben, die Vermittler verstünden ihre Probleme besser und zwängen ihnen keine westlichen Lösungen auf." Dennoch sei der Trend kein Erfolgsgarant, da er auch innerhalb Afrikas von Eigeninteressen der Vermittler geprägt sei - "ob es nun wirtschaftliche oder politische sind."

Initialzündungen waren die Gründung der Afrikanischen Union (AU) als Nachfolgerin der Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU) sowie die "Neue Partnerschaft für Entwicklung" (NePAD). Der Wirtschaftsrettungsplan verpflichtet seine Mitgliedstaaten zu guter Regierungsführung und gegenseitiger Kontrolle mit dem Ziel, westliche Investoren und Geber anzulocken und durch mehr Zugang zum Welthandel ein Wirtschaftswachstum von sieben Prozent im Jahr zu erreichen. In zahlreichen Ländern Afrikas unterhalb der Sahara ist nach Informationen von UNO-Experten das Bruttosozialprodukt in den letzten zehn Jahren um drei Prozent gesunken. Mehr als 80 Millionen Afrikaner leben in Armut.

Doch während der Kontinent nach Ende des Kalten Kriegs erstmals ernsthaft in Eigenregie Wege aus seinen Krisen sucht, gerät er schon wieder in den Würgegriff externer Konfliktparteien. Nach den Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998 und auf das israelisch geführte "Paradise Hotel" und ein israelisches Passagierflugzeug in Mombasa im November befürchten insbesondere Staaten am Horn von Afrika weitere Terrorakte auf westliche Ziele.

In Somalia, wo die USA viele Drahtzieher des Terrors vermuten, befürchtet die Bevölkerung Sanktionen. Das angrenzende Dschibuti (Djibouti) ist bereits nicht nur zur Marinebasis der internationalen Eingreiftruppe am Horn von Afrika mutiert. Die Amerikaner errichten dort derzeit auch eine hochmoderne Antiterrorzentrale, von der aus unter anderem Ziele in der Region bekämpft werden sollen. Auf der moslemisch geprägten Insel Lamu, die zu Kenia gehört und an Somalia grenzt, bauen sie zudem gerade eine neue Startbahn. "Dieser Konflikt", meint der Politologe Mutahi Ngunyi, "wird wohl nicht nur viele innerafrikanische Krisen überdauern. Er macht Afrika wie schon im Kalten Krieg zum Spielfeld fremder Machtinteressen."

16.12.2002 10:26