Mittwoch, 18. Dezember 2002

ÖVP-"Zuchtmeister" Khol wird Nationalratspräsident

  • Rauch-Kallat: ÖVP erhebt keinen Anspruch auf 3. Präsidenten
  • Schüssel einstimmig zu Interims-Klubobmann gewählt

Nach dem fulminanten Wahlsieg der ÖVP am 24. November muss die SPÖ der Volkspartei den Vorsitz bei der Nationalratsführung abgeben. Am Mittwoch wurde Khol vom ÖVP-Parlamentsklub einstimmig für das Amt des Ersten Nationalratspräsidenten vorgeschlagen. Kanzler Schüssel wurde ebenso ohne Gegenstimme zum Klubobmann gewählt. Er wird diese Funktion aber nur bis zur Regierungsbildung übernehmen.

Schon gleich nach der Wahl am 24. 11. galt es als ausgemacht, dass Khol steht nach dem fulminanten Wahlsieg seiner Partei vor dem Karrieresprung ins Nationalrats-Präsidium steht. Die eigentliche Kür erfolgt am Freitag bei der konstitutierenden Sitzung.

Zuchtmeister
Khol gilt als loyaler Mitstreiter und enger Vertrauter Schüssels. Mit strenger Hand führte er seit 1994 die ÖVP-Parlamentsfraktion als Klubobmann. Dies hat ihm den Spitznamen "Zuchtmeister" eingebracht.

Khol wurde am 14. Juli 1941 in Bergen in Südtirol geboren. Seine Familie wurde von den italienischen Faschisten vertrieben und ließ sich nach dem Krieg in Österreich nieder. Er besuchte Schulen in Sterzing und Innsbruck. Nach seiner Matura 1959 belegte er einen Abiturientenkurs der Handelsakademie und studierte dann an den Universitäten Innsbruck und Paris Rechtswissenschaften. Im Anschluss an seine Promotion zum Doktor iuris im Jahre 1963 folgten Studien in Innsbruck und Paris und eine Hochschulassistentenstelle an den Universitäten Innsbruck und Wien.

Habilitation in Wien
1966 habilitierte er an der Universität Wien (Verfassungsrecht, Internationale Organisationen) und wurde Sekretär im österreichischen Verfassungsgerichtshof, gleichzeitig übte er das Amt des Generalsekretärs der Österreichischen Gesellschaft für Außenpolitik aus (bis 1969, seit 1975 ist er Vorstandsmitglied). Von 1969 bis 1973 wurde Khol internationaler Beamter im Sekretariat des Europarates, Jurist in der Europäischen Menschenrechtskommission, sodann Sekretär des Expertenkomitees für Menschenrechte.

Ab 1974 bekleidete Khol insgesamt 18 Jahre lang das Amt des Direktors der Politischen Akademie der ÖVP. Von 1992 bis 1994 war er Vizepräsident der Politischen Akademie. Seit 1976 ist er Gründer und Mitherausgeber des Österreichischen Jahrbuches für Politik. Er ist seit 19. Mai 1983 Mitglied des Nationalrates und gilt heute als ein unumstrittener Kenner der Geschäftsordnung des Nationalrates.

Stütze Schüssels
Klubobmann wurde Khol noch unter ÖVP-Obmann Erhard Busek. Bei Buseks Demontage im Jahr 1995 war Khol zunächst selbst als neuer Bundesparteiobmann im Gespräch. Es kam Schüssel - und Khol entwickelte sich als Klubobmann zu einer Stütze Schüssels. Vor allem seit Februar 2000, dem Beginn der Koalition mit der FPÖ, musste Khol als Klubchef seine Fraktion durch oft turbulente Zeiten führen.

Khol ist verheiratet und Vater von sechs Kindern. Er lebt in Wien. Sein Hauptwohnsitz ist aber nach wie vor Innsbruck, wo er auch für den Nationalrat kandidiert hat.

ÖVP erhebt keinen Anspruch auf 3. Präsidenten
Die ÖVP werde keinen Anspruch auf das Amt des dritten Nationalratspräsidenten erheben, sagte am Mittwoch ÖVP-Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat. "Es war unserem Parteiobmann besonders wichtig, gerade jetzt, nach diesem großen Erfolg der Österreichischen Volkspartei, keinesfalls den Eindruck zu erwecken, dass wir hier nicht sehr sensibel mit dem Vertrauen der Wähler umgehen. Wir respektieren den Usus, der seit nahezu 20 Jahren gepflegt wird, den 3. Nationalratspräsidenten auch der drittstärksten Fraktion im Nationalrat zuzugestehen", so die ÖVP-Generalsekretärin.

18.12.2002 13:28