Donnerstag, 19. Dezember 2002

Großoffensive gegen Drogenbanden: 890 Anzeigen

  • Ermittlungen gegen Infrastruktur der Tätergruppen
  • Polizei: Westafrikanische Dealer beherrschen Markt

Drogenhandel in Österreich: Einst ein Randgruppen-Geschäft in wenigen, verrufenen Gegenden. Heute ist Suchtgift-Vertrieb ein perfekt durchorganisisertes Unternehmen in der Hand einiger weniger Großbanden. Und die Kunden kommen wegen der neuen, einfachen Verfügbarkeit aus allen gesellschaftlichen Schichten. Diesen ergiebigen Markt teilen sich eine Handvoll meist westafrikanische Banden.

Die Strukturen des Drogenhandels in Österreich haben sich der Polizei zufolge stark verändert: Westafrikanische, bestens organisierte Tätergruppen sind mittlerweile Marktleader in Sachen Heroin und Kokain. Im Zuge von intensiven Ermittlungen auf nationaler und internationaler Ebene wurden seit dem Frühjahr 19 derartige Banden ausgeforscht, 165 Personen festgenommen, 86 Kilo Suchtgift sichergestellt und 890 Anzeigen erstattet. Für die Polizei kein Grund, auf den Lorbeeren auszuruhen: Sie will weiter "mit aller Härte" gegen die Dealer vorgehen.

Von örtlich begrenzter zu internationaler Kriminalität
Dealer aus allen ethnischen Gruppierungen sind früher örtlich begrenzt in Erscheinung getreten. Dann begannen westafrikanische Banden Kokain, davor kaum in der offenen Szene zu haben, auf der Straße zu verkaufen. "Auf Grund der Nachfrage haben sie schließlich auch Heroin angeboten", erklärte Bezirksinspektor Wolfgang Preiszler. Durch ihr massives wie offensives Auftreten "überrollten" die Organisationen den Markt. "Sie scheuen nicht vor Gewalt zurück. Und sie gehen massiv auf potenzielle Kunden zu."

Die Exekutive betreibt seit etwa zwei Jahren so genannte Struktur-Ermittlungen in diesem Umfeld. "Die Konzentration gilt tragenden Täterschaften", so Herbert Stübler, Suchtgiftreferent im KA. Die Banden betreiben einen hohen logistischen Aufwand, sie haben internationale Verbindungen und eine ausgeprägte Hierarchie. Stübler: "Täter geben sich als politisch Verfolgte aus, die schöpfen sämtliche rechtlichen Möglichkeiten ab. Wir haben außerdem den klaren Nachweis, dass sie tatsächlich politisch verfolgte, unbescholtene Landsleute für ihre Zwecke missbrauchen."

Die Fahnder müssen es mit einem gut gerüsteten Gegner aufnehmen. "Diese Leute sind hervorragend geschult, sie besitzen Rechtskenntnisse und haben Ausbildungen in wirtschaftlichen Belangen", führte Stübler aus. "Diese Gruppierungen sind groß, sie können rasch auf geänderte Bedingungen reagieren." Der Experte bezeichnete die Drahtzieher als "Geschäftsleute", die nach Erledigung des Handels wieder abwandern. "Wir gehen von 3.000 potenziellen Tätern aus, die den Markt in Österreich beeinflussen."

Seit Mitte Mai konnten die Ermittler des Kriminalamts Wien in Kooperation mit der Bundespolizeidirektion Linz, der Justiz und mit Behörden in Deutschland einige beachtliche Erfolge im Kampf gegen diese Banden verbuchen. Als einige "Höhepunkte" seien zwei Zugriffe auf Führungsgruppen in den vergangenen Wochen angeführt, bei denen sechs Kilo Heroin bzw. 1,6 Kilo Heroin und Kokain sichergestellt wurden. Im Oktober ist es bei einer Razzia in einem Massenquartier in Meidling zu 26 Festnahmen gekommen, 750 Gramm Drogen wurden entdeckt.

19.12.2002 18:01