Donnerstag, 12. Dezember 2002

Vom Zierfandler zum Rotgipfler

Dass die Thermenregion vor den Toren Wiens seit jeher als Heurigenmekka galt, war der Weinqualität nicht immer zuträglich. Heute beweisen jedoch viele Betriebe, dass eins das andere nicht ausschließt.

Die Thermenregion – oder, wie sie noch genannt wird „Südbahnregion“ – hatte ihre große Zeit. Vor allem der „Gumpoldskirchner“, ein milder, süffiger und meist aus den Sorten Zierfandler, Rotgipfler oder Neuburger gekelterter Wein, war bis Mitte der 80er Jahre nicht nur österreichweit ein Begriff, sondern darüberhinaus ein echter Exportschlager.

Damit war’s nach dem Weinskandal erst einmal vorbei und was die Vorlieben der Konsumenten angeht, die plötzlich nur noch staubtrockene Weine trinken wollten, so sah man sich sehr bald ebenfalls nicht mehr auf der Höhe der Zeit.

Der Heurige als Feind der Qualität
Gewissermaßen „strafverschärfend“ wirkte zudem die Tatsache, dass fast alle Winzerfamilien in Gumpoldskirchen und der Thermenregion auch einen Heurigen betreiben. Das brachte – und bringt – zwar einerseits eine solide Absatzschiene und damit eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit, andererseits sahen sich viele Winzer nicht wirklich genötigt, auf den Qualitätszug aufzuspringen, der nun schon seit rund eineinhalb Jahrzehnten voll unter Dampf steht. Viele Betriebe haben längst den Anschluss verloren und weisen inzwischen einen technologischen Rückstand auf, der auch beim besten Willen nur schwer wieder aufzuholen sein wird.

Erfolgreiche Gegenmodelle
Es gibt freilich auch viele Winzer, die inzwischen bewiesen haben, dass Qualität und Heurigenbetrieb sehr wohl unter einen Hut zu bringen sind. Ganz im Gegenteil: Produzenten wie Fischer in Sooß, Stadlmann in Traiskirchen oder Biegler und Krug in Gumpoldskirchen haben über ihre Weine inzwischen auch die Heurigen zur Trademark gemacht. Das beste Indiz dafür: in vielen dieser Betriebe ist eine Tischreservierung inzwischen fast unerlässlich. Darüber hinaus haben die Winzer neben dem Heurigen und dem Ab-Hof-Verkauf neue Absatzschienen durch Vinotheken und in der Gastronomie gefunden.

Die Weine von der Südbahn
Die Weine der Thermenregion zeichnen sich nicht nur durch Reife und Geschmeidigkeit, sondern auch durch eine rassige Säure aus. So ist etwa Gumpoldskirchen durchaus ein guter Boden für fruchtige Rieslinge. Die traditionellen weißen Rebsorten der Region sind jedoch der Neuburger, der Zierfandler und der Rotgipfler, die hier in allen Qualitätsstufen von staubtrocken bis hin zur Trockenbeerenauslese gekeltert werden können. Rotweine findet man vermehrt im Süden der Region in den Orten Sooß, Tattendorf oder Bad Vöslau. Hier wurde ein wesentliches Kapitel österreichischer Rotweingeschichte geschrieben: Robert Schlumberger kelterte in Bad Vöslau nicht nur im Jahr 1846 den ersten österreichischen "Champagner", sondern setzte auch die Rebsorten Cabernet und Merlot aus und kelterte daraus einen Wein, der sich schon bald einen Fixplatz auf den Weinkarten internationaler Grandhotels und Luxusdampfer-Restaurants sichern sollte. Neben den genannten finden heute in der Thermenregion vor allem auch die Rebsorten Blauer Portugieser, St. Laurent und Blauburgunder ausgezeichnete Bedingungen vor.

12.12.2002 14:15
GUSTO-Rezeptsammlung