Astrologie-Boom: Im Bann der Sterne
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Der Mythos. Warum ein Drittel der Österreicher an die Kraft der Sterne glauben – und wie sie danach leben. Das Geschäft. Wie mit Horoskopen und Astro-Seminaren Millionen umgesetzt werden und wer davon profitiert.
Bei der Lektüre der Morgenzeitung hat Mobilkom-Chef Boris Nemsic einen Fixpunkt: das tägliche Horoskop. „Wie viele andere Menschen auch interessiert es mich, wie die Sterne stehen“, bekennt der Boss von Österreichs größtem Handy-Netzbetreiber. Schicksalsfragen und Entscheidungen nimmt der coole Manager aber lieber selbst in die Hand. „Horoskope sind eine intelligente Form der Unterhaltung, die einen kurz zum Nachdenken und zur Selbstreflexion anregen kann. Aber man sollte sie nicht allzu ernst nehmen.“
Das sieht Arabella Kiesbauer anders. Während die Moderatorin derzeit quotenträchtig Pop-Sternchen von morgen präsentiert, hat sie privat längst die Star-Mania erfasst. „Die Sterne lügen nicht. Ich vertraue ihnen, seit ich sechs Jahre alt bin.“ Und dabei gibt es für die Talk-Queen keine Kompromisse: Zwei Astrologen, einer in Wien, einer in München, kümmern sich um langfristige Prognosen, die Tagesdeutung holt sich Kiesbauer aus den Zeitungen – und wenn einmal Zeit bleibt, späht die 33-Jährige kurzerhand selbst nach planetaren Konstellationen. „Ich habe in mehreren Kursen gelernt, mein Horoskop selbst zu erstellen und zu deuten.“ Und dann wird nach den Himmelszeichen gehandelt. Kiesbauer: „Die Sterne bestimmen meinen Alltag. Das Horoskop ist für mich Ratgeber und Entscheidungshilfe.“
Studie: Junge sehen Sterne
Die Astrologie ist aber nicht nur für Arabella Kiesbauer der Himmel auf Erden. Vor allem junge Menschen bis dreißig scheint der Drang zum Übernatürlichen gepackt zu haben. 70 Prozent dieser Altersgruppe glauben generell an übernatürliche Phänomene. Bei den 30- bis 50-Jährigen sind es immerhin noch 64 Prozent. An den konkreten Zusammenhang von Schicksal und Sternen glaubt laut einer Studie des Linzer market-Instituts immerhin noch jeder dritte Österreicher. Dabei scheint die Lust auf Prognosen vom Firmament mit der schulischen Ausbildung zu korrelieren. Denn nur 15 Prozent der Maturanten und Akademiker glauben an die Macht der Sterne, für immerhin 38 Prozent der Pflichtschulabsolventen gibt es an der Macht der Sterne allerdings nichts zu rütteln. Kurios ist auch die Parteipräferenz: Grün- (25 Prozent) und ÖVP-Wähler (29 Prozent) nehmen ihr Schicksal lieber selbst in die Hand, SPÖ- (35 Prozent) und FPÖ-Präferenten (41 Prozent) wagen dagegen durchaus auch Hilfe suchende Blicke gen Himmel.
Orientierung am Himmel
Die Motive für die Sternen-Sehnsucht sind freilich unterschiedlich. Für RTL-Chefredakteur Hans Mahr haben Horoskope eine psychologische Wirkung: „Positive Prognosen sind aufbauend und erleichtern den Start in einen schwierigen Tag. So fällt vieles automatisch leichter.“ TV-Talkerin Barbara Karlich glaubt dagegen an den Zusammenhang von Charakter und Sternzeichen: „Es gibt Sternbilder, die privat und beruflich zu mir passen. Mit anderen habe ich dagegen immer wieder Schwierigkeiten.“
Nüchterner sind da schon die Ansätze der Wissenschaft. Für den Psychologen Martin Felinger von der „Wiener Gesellschaft gegen Sekten- und Kultgefahren“ liegen die Gründe für die Sternen-Sehnsucht auf der Hand: „Die Menschen suchen Antworten auf ihre Fragen, wenn ihnen die rationale Welt der Wissenschaften nicht mehr weiterhelfen kann. Die Astrologie wird dabei als Orientierungshilfe herangezogen.“
Helga Kuhn, die seit 27 Jahren Lebenshilfe in Kurzform via „Kronen Zeitung“ anbietet, ortet ähnliche Ursachen: „Der Esoterik- und Astro-Boom hat mit der Verunsicherung der Menschen zu tun. Durch Krankheiten, private wie berufliche Schwierigkeiten, Umweltverschmutzung und Kriege werden sie horoskopgläubiger.“
Ins selbe Horn stößt Gerda Rogers, Österreichs führende Sterndeuterin und seit 20 Jahren im Radio, in Magazinen oder bei Talkshows erste Adresse in Sachen Himmelszeichen: „Wo Politik und Religion keine Antworten mehr geben können, beginnt die Suche nach Erklärungen des Unerklärbaren.“
Eine These, die beispielsweise auch Schauspieler und Kabarettist Alfons Haider bestätigt: „Horoskope haben mich früher nie interessiert. Doch in schwierigen Zeiten wurden sie für mich mehr und mehr zum wichtigen Leitfaden durch den Alltag. Gleichzeitig haben sich viele Prognosen später als richtig herausgestellt.“
Geldregen vom Himmel
Kein Wunder, dass sich bei dieser stellaren Euphorie der Rat suchende Blick zum Himmel längst zum veritablen Wirtschaftszweig entwickelt hat.
Ch. Bacher, L. Fonseca, A. Linhart, C. semrau, A. Katicic, Ch. Neuhold
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