Dienstag, 10. Dezember 2002

Irak: UN-Team spielt Verstecken

Die UN-Inspektoren sind den Irakern zwar ein Dorn im Auge. Aber auf der anderen Seite ist auch eines sicher: So lange die Kontrollore im Land sind, wird Amerika den Irak nicht angreifen. Bei ihren Überprüfungen spielen die UN-Inspektoren Verstecken mit ihren Verfolgern.

Eine Gruppe fuhr zu einer 420 Kilometer entfernten Phosphor-Fabrik nahe der syrischen Grenze. Eine kleine Gruppe von Experten der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) kehrte zum vierten Mal zum zerstörten Atomreaktor El Tuwaitha in der Nähe von Bagdad zurück. Die UN- Waffenkontrollkommission (UNMOVIC) besuchte unter anderem eine Fabrik für Tierimpfstoffe in einem westlichen Vorort von Bagdad. Nach Angaben des Fabrikdirektors existiert die Fabrik seit 1995.

Nuklearanlage kontrolliert
Die UN-Rüstungsexperten haben am Dienstag nach eigenen Angaben auch die Nuklearanlage El Kaim nahe der syrischen Grenze kontrolliert. Die Anlage rund 400 Kilometer westlich von Bagdad war vor dem Golfkrieg von 1991 zur Anreicherung von Uran genutzt worden. Während der ersten UN-Kontrollmission in den 90er Jahren stand sie unter ständiger Aufsicht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Der Kontrollgang am Dienstag war die weiteste Reise der in Bagdad stationierten UN-Inspektoren seit ihrer Rückkehr nach Irak im November. Bisher hatten sie lediglich Anlagen in der weiteren Umgebung der Hauptstadt untersucht.

Eine zweite Gruppe prüfte das frühere Biowaffen-Labor von Amarija in Abu Gharib. In dem Institut war vor 1991 an bakteriologischen Waffen geforscht worden. Nach Angaben britischer und US-Geheimdienste soll Irak dort seine Lagerbestände in den vergangenen Jahren erhöht und die Anlage erweitert haben. Zudem kontrollierten die UN-Experten erneut die Raketenfabrik Wasirija, die sie bereits in der vergangenen Woche aufgesucht hatten.

Irak mit Arbeit der Inspekteure zufrieden
UN-Chefinspektor Blix und der Leiter der IAEA, El Baradei, werden nach irakischen Angaben Anfang kommenden Jahres wieder nach Bagdad reisen. Die beiden Leiter der Kontrollmission wollten sich "in ein oder zwei Monaten" über den Stand der Inspektionen erkundigen, sagte der irakische General Hossam Mohammed Amin der Wochenzeitung "El Rafidajin" vom Dienstag. Nach seiner eigenen Einschätzung könnte die UN-Mission etwa bis Mitte 2003 dauern. Wenn die Experten der UN-Kontrollmission UNMOVIC und der IAEA sich an ihr "Versprechen" der Professionalität hielten und sich nicht von Politik beeinflussen ließen, "könnten die Kontrollen acht Monate dauern", betonte Amin. Bislang sei er mit der Arbeit der Inspekteure zufrieden. Die UN-Experten vereinten "Ruhe, Professionalität" und "Einmischung" bei ihren Überraschungsbesuchen.

Militärexperten rechnen mehrheitlich mit Krieg
Ein Krieg der USA gegen Irak dürfte nach Einschätzung von Militärexperten im Jänner oder Februar des nächsten Jahres beginnen und etwa drei Monate dauern. In einer Reuters-Umfrage gingen zehn von 18 weltweit befragten Experten davon aus, dass ein Krieg wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich sei. Sechs waren unentschieden. Das Risiko einer längerfristigen Unterbrechung der Ölversorgung durch einen militärischen Konflikt mit Irak bewerteten die Experten als begrenzt.

UNO veröffentlicht erste Einzelheiten aus dem Bericht
Zwei Tage nach Übergabe des irakischen Rüstungsberichts hat die UNO erste Einzelheiten aus dem 12.000-Seiten Dossier veröffentlicht. Der einzige Verweis auf eine Bombe war in dem Kapitel über chemische Waffen zu finden, wie ein am Montag herausgegebenes Inhaltsverzeichnis zeigte. Auf mehreren Seiten listete Bagdad technische Kooperation mit dem Ausland auf.

Dem Inhaltsverzeichnis zufolge verweist der irakische Waffenbericht zu einem großen Teil auf die Rüstungsaktivitäten vor dem Golfkrieg 1991. Auf mehr als 2000 von insgesamt 12.000 Seiten wird demnach das Atomprogramm bis zum Jahr 1991 vorgestellt. Weitere 300 Seiten decken den Zeitraum zwischen 1991 und 2000 ab. Der einzige Verweis auf eine Bombe ist in dem Berichtteil zu den chemischen Waffen zu finden. Dort ist den Angaben zufolge von einem Projekt zum Bau einer "Strahlungsbombe" die Rede, das jedoch eingestellt wurde. Mehrere Seiten sind Hilfsleistungen aus dem Ausland gewidmet. Der irakische Botschafter in Moskau, Abbas Chalaf, hatte am Montag gesagt, der Bericht enthalte eine Auflistung westlicher Zulieferfirmen.

10.12.2002 17:10