Samstag, 7. Dezember 2002

Der Euro wandert nur gemächlich durch Europa

  • Münzen aus zwölf Ländern bisher wenig vermischt
  • In Österreich bereits jede Fünfte aus dem Ausland

Frankreichs Marianne in österreichischen Händen, Athener Eulen in belgischen Geldbörsen, finnische Moltebeeren in portugiesischen Taschen: Durch die verschiedenen Euro-Münzen mit jeweils unterschiedlichen Gravuren sollte Europa ein Stück weiter zusammenrücken. Doch das gemeinsame Geld wandert eher gemächlich über den Kontinent.

Nach Forschungen des Freiberger Professors Dietrich Stoyan vermischen sich die Euro-Münzen, die auf ihrer Rückseite von Land zu Land verschieden sind, langsamer als erwartet. Ein Jahr nach der Einführung des neuen Bargelds stammen etwa nur sieben von hundert Ein-Euro-Münzen in Deutschland aus dem Ausland, schätzt der Mathematiker.

Kleine Stichproben
Stoyan sammelt seit Anfang des Jahres per E-Mail unter der Adresse euro.mobil@tu-freiberg.de Meldungen, wo und in welcher Menge ausländische Euro-Münzen auftauchen. Die Ergebnisse werden im Internet (http://www.euro.tu-freiberg.de) veröffentlicht. Dass die Stichproben nur klein sind und die Aussagekraft der Ergebnisse "nicht besonders groß", räumt Stoyan freimütig ein. Die Tendenz aber stimme: "Da lege ich meine Hand für ins Feuer."

Jede 5. Münze in Österreich aus dem Ausland
Tatsächlich kommen ausländische Kollegen zu ähnlichen Ergebnissen: Auch in belgischen und niederländischen Geldbörsen stellen die einheimischen Münzen weiterhin die überwältigende Mehrheit. In Österreich wird die "Euro-Migration" im Auftrag der Nationalbank ermittelt: Demnach ist bereits jede fünfte Münze in Österreich eine ausländische - und die meisten davon tragen den deutschen Bundesadler oder das Brandeburger Tor auf der Rückseite.

Unterschiedliche Rückseiten
Grundlage für die Untersuchungen ist, dass die insgesamt acht verschiedenen Münzen im Wert von ein Cent bis zwei Euro je nach Herkunftsland unterschiedliche Rückseiten haben - und damit im Gegensatz zu den Scheinen unterscheidbar sind. Über 50 Milliarden Münz-Rohlinge waren insgesamt zu Euro und Cent geprägt worden. Allein aus Deutschland stammen davon 17 Milliarden Münzen, gefolgt von Frankreich mit 8,1 Milliarden und Spanien mit sieben Milliarden.

Vermischung wird sich anpassen
Stoyan geht davon aus, dass sich die Verteilung der Münzen irgendwann in ganz Europa der Präge-Häufigkeit anpasst: Dann müsste die griechische Hausfrau genau wie der portugiesische Fischer rund ein Drittel deutsche Münzen in der Tasche haben. Gleichzeitig müssten also auch in einem deutschen Geldbeutel zwei Drittel der Euro aus Frankreich, Italien, Spanien, Österreich und den anderen Euro-Ländern stammen. Dieser Zustand wird nach den Berechnungen Stoyans aber erst in rund zwanzig Jahren erreicht sein. Für Ende 2002 hatte er zunächst mit einem ausländischen Anteil zwischen zehn und 35 Prozent gerechnet. Inzwischen korrigierte sich der Professor auf sieben Prozent.

"Kleine Münzen sind ortstreu"
Kümmerte sich Stoyan zunächst um alle Münzarten, widmet er sich aus Gründen der Übersichtlichkeit inzwischen ausschließlich den Ein-Euro-Stücken, denn die wanderten schneller als Cent. "Kleine Münzen sind ortstreu", sagt Stoyan und führt dies darauf zurück, dass jeder Reisende eher wertvolle Münzen als lästiges Kleingeld mit sich trägt.

Urlauber & Geschäftsreisende
Bei der Verteilung des Gelds setzt Stoyan besonders auf Urlauber und Geschäftsreisende. So tauchten in Deutschland zu Beginn des Jahres mit der Ski-Saison am häufigsten Münzen aus Österreich auf. Allerdings setzte sich dieser Trend in den Sommerferien nicht fort. Im Gegenteil: Im Juli und August und September ging der Anteil ausländischer Münzen sogar zurück. "Wirklich erstaunlich", findet das der Mathematiker.

Münzensammler verderben alles
Die Schuldigen dafür hat er aber bereits ausgemacht: "Die Münzsammler verderben alles." Diese würden die fremden Geldstücke - beispielsweise die schöne italienische Leonardo-da-Vinci-Münze - sofort aus dem Verkehr ziehen und in Alben horten. So richtig sauer kann der Professor darüber aber nicht sein: Seine Frau Helga legte selbst regelmäßig ausländische Euros zur Seite. Ihre Sammlung ist inzwischen komplett.

7.12.2002 11:20