Donnerstag, 5. Dezember 2002

Austria-Trainer Daum zieht zufrieden Zwischenbilanz

  • Deutscher hat Schritt nach Wien nicht bereut
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Seit Anfang Oktober ist er Austria-Trainer, aber erst am Mittwoch Abend fand er erstmals Zeit, auch ein bisschen Wiener Gemütlichkeit zu genießen. Bei einem Gläschen Weißwein im Keller eines Grinzinger Nobel-Heurigen plauderte Christoph Daum über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Der Schachner-Nachfolger bereut es nicht, den Job in Favoriten angenommen zu haben. Ganz im Gegenteil.

"Das war eine Super-Entscheidung, ich fühle mich hier unheimlich wohl, die Stadt ist faszinierend und die Leute freundlich", sagt der violette Feldherr, der vor dem Gang nach Österreich in seiner Heimat zur Vorsicht gemahnt und mit Ratschlägen versorgt worden war. In der kommenden Woche wird er seine endgültige Übersiedlung in die Wohnung am Graben mit Sicht auf den Stephansplatz abschließen, wo er mit Freunden auch den Silverster verbringen wird.

Skiurlaub in Going
Über Weihnachten quartiert sich Daum, der sich mit Ski auf jede Piste traut, beim Stanglwirt in Going ein, ehe es vor dem Jahreswechsel wieder nach Wien geht. Im engsten Kreis erzählte der Startrainer beim Heurigen auch über seine schwere Zeit während der Kokain-Affäre. Erst am vergangenen Wochenende, als ihn deutsche Journalisten besucht hatten, wurde er diesbezüglich wieder angesprochen. Er ist froh, dass Wien sprichwörtlich eben doch anders ist. "Die Atmosphäre um den Verein ist viel ruhiger, sie ist sogar optimal", meint er.

Türkische Geschichten
Daum könnte über seine Tätigkeit in der Türkei (Besiktas Istanbul) Bücher schreiben. "Die Journalisten dort arbeiten mit allen Tricks. Einmal steckte mir ein Kerl ein Mikro ins Sakko und hörte mich so ab", erzählt er mit Schaudern. Der Blondschopf, der im Herbst 2003 Fünfzig wird, verriet auch, dass das Thema Teamchef "aufgeschoben, aber nicht aufgehoben" sei. Den Sprung auf den deutschen Sessel hat er sich durch die Schnupferei selbst verbaut, doch gab es auch mit Nigeria vor der WM-Endrunde 2002 Kontakt.

Spiel gegen Salzburg war grausam
Das ist aber Schnee von gestern. Die Gegenwart heißt Austria, mit der er in der Liga in neun Spielen sechs Siege, ein Remis und 19 Punkte (16:6 Tore) holte. Die Wiener überwintern mit je 13 Punkten Vorsprung auf SV Pasching und Sturm Graz. Das 0:0 daheim gegen SV Salzburg stuft Daum, dessen Vertrag auf dem Papier bis 2005 Gültigkeit besitzt, als "schwächste Partie, die grausam war", ein. National stimmt die Richtung, international jedoch noch nicht.

Daum wünscht sich einen Stürmer
Er wolle das Spiel seiner Truppe an die europäische Spitze heranbringen, "Wunder dauern ein halbes Jahr." In der Winterpause gilt es, das physische Level auszugleichen bzw. zu heben, um im Frühjahr die vorhandenen Möglichkeiten des Kaders voll ausschöpfen zu können. Es würden jedoch "innerbetriebliche Innovationen" vergenommen. "Ich akzeptiere nur echte Verstärkungen für die Champions League, jedoch keine Ergänzungen des Kaders", erklärt der Chefcoach. Vor allem wünscht er sich einen Stürmer vom Typ Ulf Kristen.

Verbesserungen möglich
"Einen, der nicht nur Tore erzielt, sondern den Ball anderen auflegt, mit dem Kopf stark ist", so Daum. Denn ein Bereich ist seiner Meinung nach nicht kontrollierbar - die Luft. Auf dem Boden zum Erfolg zu kommen, sei viel schwieriger. Verbessern möchte der Trainer auch das Herausspielen von hinten an den Seiten, das Heraustreten aus dem Deckungsschatten des Gegners, abschalten das zu lange Laufen mit dem Ball. "Wir müssen stets mit elf Mann im Spiel sein, nur mit zehn Leuten zu agieren, können wir uns nicht leisten." Das kam besonders im UEFA-Cup gegen FC Porto zu Tage.

Svetits will qualitative Korrekturen
Daums oberste Prämisse lautet: Zehn Feldspieler bereiten immer ein Tor vor. Das lässt er im Training im Spiel "Zehn gegen Null" auch fleißig üben. Peter Svetits liegt mit dem Deutschen auf einer Linie. "Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen, sondern müssen uns ständig weiter entwickeln", sagt der Sportdirektor. Soll heißen: "Das Gerüst steht, es folgen qualitative Korrekturen in jeder Formation." Und zu den in den Zeitungen kolportierten Namen meint er: "Da ist keiner darunter, den wir wollen." Zudem sei es im Winter schwierig, Wunschspieler zu bekommen.

Im Herbst erreicht, was erwartet wurde
Die Zwischenbilanz falle so aus, wie es alle erwartet hätten. "In der Liga ist der Aufschwung sogar früher gekommen." Svetits fordert im Frühjahr mehr von Djalminha und Cesar. Diese beiden Spieler plus Dheedene besitzten Verträge mit einer Option, die am 15. Juni ausläuft. Im Jänner möchte sich der Sportdirektor mit jenen Spielern (Kiesenebner, Hopfer etc) unterhalten, die den Klub verlassen wollen oder gehen müssen. Wie Daum ("Österreich und die Schweiz schießen sich mit dem frühen Saisonbeginn ins eigene Knie") plädiert Svetits für eine Änderung des Terminplans. "Wenn die Trainer eine längere Pause im Sommer wollen, müssen sie es sagen, wir setzen es dann sicher um."

5.12.2002 14:26