Donnerstag, 5. Dezember 2002

Verkehrte Abfahrts-Welt: Bremsen, um zu gewinnen

  • Startregel in Speed-Disziplinen macht Trainings zu Taktiererei
  • PLUS: Alle Infos zur Ski-Weltcup-Saison 2002/03

Ob die neue Startregel in den alpinen Speed-Disziplinen tatsächlich mehr Spannung für die TV-Zuschauer bringt, wird sich erst im Laufe der Weltcup-Saison zeigen. Bei den Athleten selbst hält sich jedenfalls die Begeisterung weiterhin in Grenzen. Im ÖSV-Team tüfteln Trainer und Läufer seit dem Sommer an Tricks, wie man sich die neue Regel zum Vorteil machen kann. Mit dem Effekt, dass die Abfahrts-Trainings immer mehr zum taktischen Schachspiel werden.

Während sich viele andere Teams oft eher auf das Glück verlassen, versucht man im ÖSV-Lager Erfahrung, Wissenschaft und Risiko zu einem Erfolgsrezept zu verbinden. Nachdem Funk, Flaggenzeichen oder Uhren in den Ski verboten sind, haben die ÖSV-Abfahrer im Training bewusst auf schlechteren Pisten trainiert. Vor der ersten Abfahrt in Lake Louise wurde im Training so taktiert, dass man möglichst viele Aufschlüsse bekam. Zudem wurden dort Teilzeiten mit aufrechten Fahrten gestoppt, um heraus zu finden, wie viel man dabei verliert.


Auch Wetter spielt eine Rolle
Die Erkenntnisse aus dem Training dann im Abschlusstraining auch wirklich timen zu können, so Abfahrts-Coach Robert Trenkwalder, "gelingt nur den ganz erfahrenen Fahrern." Er sieht ein gleich dreifaches Problem: "Man muss es sich so einteilen, dass man auch noch im Rennen top ist, man muss das Wetter in Betracht ziehen und dann ist da noch die Frage des Abschluss-Trainings", zeigte der Tiroler die Problematik auf, die speziell bei Abfahrten mit drei Trainings wie in Beaver Creek besonders krass zu Tage tritt.

Taktieren statt rennfahren
"Du taktierst drei Tage lang und darfst dabei aber das Rennen nicht aus den Augen verlieren, wer kann so etwas?", fragt sich Trenkwalder und fürchtet: "Vor lauter Taktiererei übersiehst dann, dass das Rennen immer noch das Wichtigste ist. Viele verlieren dadurch aber den Fokus auf den Tag X." Dem stimmte auch Olympiasieger Fritz Strobl zu: "Wenn du dir so viele Gedanken machen musst, vergisst du, dass du eigentlich rennfahren solltest."

Im Zielschuss noch wedeln?
Auch Eberharter findet es traurig, dass dem Training durch die neue Regel der eigentliche Sinn genommen wurde. "Vom Sportlichen her sollten die Besten weiterhin die Möglichkeit haben, sich die Startnummern auszusuchen", sieht es auch Trenkwalder ähnlich. "Was denken sich die Menschen wenn in Kitzbühel das Abschlusstraining übertragen wird und dann wird im Zielschuss nur noch gewedelt?", fragt sich der Coach und plädiert daher für Preisgeld. "Aber ein richtiges, das im Verhältnis zu dem im Rennen steht. Nicht drei Jacken wie in Lake Louise."

Wichtige Daten
Herrenchef und Oberstratege Toni Giger sieht aber auch die befriedigende Seite dieser Taktiererei, deren Aufschlüsse in einem neuen Computer-Kombinationsprogramm (Video und Daten) durch einen eigens angestellten Techniker verarbeitet werden. "Wir Trainer sind natürlich jetzt voll gefordert. Wir bauen aber auf die Reife und Selbstständigkeit unserer Läufer, versuchen es gleichzeitig auch nicht zu kompliziert zu machen", so Giger. "Daher macht es besonderen Spaß, wenn wie in Lake Louise unsere Überlegungen auch aufgehen und die Läufer Erfolg haben."

5.12.2002 10:57