Blutiger israelischer Armee-Einsatz im Gaza-Streifen
- Zehn Palästinenser getötet, 19 teils schwer verletzt
- Arafat verurteilt "Massaker an unbewaffnetem Volk"
Bei einem der blutigsten israelischen Militäreinsätze im Gaza-Streifen sind nach palästinensischen Angaben zehn Menschen getötet und 19 zum Teil schwer verletzt worden. Mit Panzern und Kampfhubschraubern rückten die Soldaten in der Nacht zum Freitag für einige Stunden in das Flüchtlingslager El Bureish ein, zerstörten zwei Häuser und nahmen vier Palästinenser fest. Im Westjordanland nahm die Armee nach eigenen Angaben 26 Palästinenser fest, darunter zwei potenzielle Selbstmordattentäter.
Aufgrund von Informationen über geplante Anschläge wurde die Polizei im Norden Israels in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Zum Schutz seiner Interessen im Ausland will Israel künftig stärker auf den Geheimdienst Mossad zurückgreifen.
"Abschreckungskampagne"
Palästinensischen Angaben zufolge rückte die Armee in der Nacht im Rahmen ihrer "Abschreckungskampagne gegen Terror" mit rund 40 Panzern und gepanzerten Fahrzeugen in das Flüchtlingslager Bureidsh ein. Die Soldaten hätten sofort das Feuer eröffnet. Vier der 19 Verletzten schwebten in Lebensgefahr. Die Aktion erfolgte mit Unterstützung von Kampfhubschraubern aus der Luft. Die Armee bezeichnete das Lager als "Stützpunkt radikaler Terrorgruppen". Die palästinensische Autonomiebehörde bezeichnete den Einsatz als "Massaker an unserem unbewaffneten Volk" und rief die internationale Gemeinschaft erneut zum Eingreifen auf. Der palästinensische Präsident Yasser Arafat hat die Offensive scharf verurteilt.
Armee spricht von "erfolgreicher Aktion"
Die israelische Armee begründete ihren blutigen Militäreinsatz mit der Jagd nach mutmaßlichen militanten Palästinensern. Der Armeekommandant sprach im Armeeradio von einer erfolgreichen Aktion. Brigadegeneral Israel Ziv erklärte, bei fünf der Toten handle es sich um Aktivisten der militanten Hamas-Organisation. Der Bürgermeister von Buredsh, Kamal Baghadi, sagte hingegen, eine Panzergranate habe ein Gebäude getroffen. Dabei seien sieben Menschen ums Leben gekommen. Ein Arzt am Al-Aksa-Krankenhaus in der nahe gelegenen Ortschaft Deir el Balah sprach von neun Toten und elf Verletzten. Ein Sprecher der Schifa-Klinik in Gaza sagte, dort sei als zehntes Opfer eine Frau ihren schweren Verletzungen erlegen.
Szenen wie in einem Krieg
Dem Einmarsch folgte ein heftiges dreistündiges Feuergefecht zwischen Soldaten und palästinensischen Bewohnern. Diese wurden über die Lautsprecher der Moscheen aufgerufen, auf die Straße zu kommen, um die Soldaten zurückzudrängen. Das Lager sei von Kampfhubschraubern mit Maschinengewehrfeuer belegt worden, sagten Augenzeugen weiter. Die Stromversorgung fiel infolge der Kämpfe aus. "Während der Operation gab es eine Menge Widerstand, es wurde zurückgeschossen", sagte Ziv.
Häuser gesprengt
Nach israelischen Armeeangaben wurden die beiden Häuser der Angehörigen eines Selbstmordattentäters sowie eines Aktivisten der Fatah-Bewegung von Palästinenser-Präsident Arafat gesprengt. Ziv erklärte, Ziel des Einsatzes sei Aiman Shashnijeh gewesen, ein örtlicher Führer des Widerstandskomitees. Dessen Haus sei zerstört und einer seiner Brüder verhaftet worden, ebenso wie ein weiterer Mann, den der israelische Geheimdienst gesucht habe. Shashnijeh wird laut Ziv für einen Bombenanschlag auf einen israelischen Panzer verantwortlich gemacht, bei dem im März drei Soldaten getötet worden waren.
Augenzeugen: "Es war die Hölle"
Palästinensische Augenzeugen bezeichneten den Beschuss mit Panzern und Kampfhubschraubern als "Hölle". Die 25.000 Bewohner hatten wie alle Moslems weltweit den zweiten Feiertag ihres Freudenfestes nach Abschluss des heiligen Fastenmonats Ramadan begangen. Die Frau des Intifada-Aktivisten Shasnijeh sagte, auf den Trümmern ihres ehemaligen Hauses sitzend: "Das sind die Verbrechen und der Terror des Feindes". "Was immer auch die Israelis tun, wird nicht unsere feste Absicht stoppen, die Freiheit zu erreichen. Israel wird die Zerstörungen und das Töten fortsetzen, und die Palästinenser werden ihren Kampf weiterführen", sagte die 29- Jährige. Ihre elfjährige Tochter Manal sagte: "(Israels Ministerpräsident Ariel) Sharon hat die Freude über das Eid-el-Fitr-Fest gestohlen. Ich weiß nicht mehr, wohin ich gehen soll und wo ich leben soll."
Arafat schockiert
Arafat äußerte sich schockiert über den Militäreinsatz. "Jeden Tag gibt es ein neues Massaker", sagte er vor Journalisten an seinem Amtssitz in Ramallah. "Jeden Tag gibt es Zerstörung. Jeden Tag gibt es neuen Schaden. Jeden Tag gibt es mehr Festnahmen, und jeden Tag gibt es mehr Attentate." Ein Berater Arafats, Nabil Abu Rdeneh, kündigte an, die Palästinenser würden den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu einer Sondersitzung über die Gewalt in den Autonomiegebieten aufrufen. Die UNO sollten erwägen, internationale Beobachter in die Region zu entsenden, sagte Rdeneh.
Mehr Mossad-Einsätze im Ausland?
Die israelische Regierung will laut einem Bericht des israelischen Fernsehens künftig stärker den Auslands-Geheimdienst Mossad zum Schutz ihrer Interessen im Ausland einsetzen. Zahlreiche Agenten und frühere Mitarbeiter seien bereits ins Ausland entsandt worden. Mit dieser Sofortmaßnahme habe die Regierung auf weitere Informationen über drohende Anschläge im Ausland reagiert. Ende November waren in Kenia bei einem Doppelanschlag auf ein israelisch geführtes Hotel und eine israelische Passagiermaschine zehn Kenianer und drei Israelis getötet worden. Die Behörden vermuten das Terrornetzwerk El Kaida hinter beiden Anschlägen.
Kontakte zu El Kaida? Hisbollah streitet ab
Die libanesische Hisbollah-Bewegung wies Vorwürfe Sharons zurück, sie unterhalte enge Kontakte zu El Kaida. In einer Erklärung warf die radikale Schiiten-Miliz Israel vor, nach einem Vorwand für einen Angriff auf das Nachbarland zu suchen. Sharon ließ am Freitag Vorwürfe untersuchen, wonach ein langjähriger Mitarbeiter des Inland-Geheimdienstes Shin Beth im Auftrag Arafats und seiner Autonomiebehörde an den israelischen Behörden vorbei im großen Stil Gelder ins Ausland verschoben haben soll. Yossi Ginossar, der nach seinem Abschied vom Geheimdienst in die Finanz- und Geschäftswelt gewechselt hatte, soll für seine Dienste Kommissionen in Millionenhöhe bekommen haben. Im Rundfunk versicherte Ginossar, die Transfers seien völlig legal und die Behörden informiert gewesen.
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