Kulturphilosoph Ivan Illich (76) tot
- Zivilisationskritiker wurde in Wien geboren
Der in Wien geborene Kulturphilosoph Ivan Illich ist am Dienstag im Alter von 76 Jahren in Bremen gestorben. Illich war von 1991 an bis zu seinem Tod als Gastprofessor in Bremen im Bereich der Kultur- und Bildungsforschung tätig, teilte die Universität mit.
"Schafft die Schule ab!" - dieser Satz zählt zu den bekanntesten Aussagen des in Wien geborenen Zivilisationskritikers Ivan Illich. Der Priester, Sozialphilosoph und Gesellschaftskritiker wollte damit darauf hinweisen, wie "lebensferne Inhalte" der Schule zur Ausbreitung sozialer Ungleichheit in der Gesellschaft beitragen. Illich ist mit 76 Jahren in Bremen nach einem Krebsleiden gestorben.
Illich wurde am 4. September 1926 in Wien geboren. Sein Vater war Katholik aus Dalmatien, seine Mutter eine lutherisch getaufte deutsche Jüdin. Er musste ein Wiener Gymnasium, das er anfangs besuchte, auf Grund der nationalsozialistischen Rassengesetze verlassen. So verschlug es ihn nach Florenz, wo er auch maturierte. In Rom und Salzburg studierte er Geschichte, Kristallographie, Philosophie und Theologie.
Nach der Priesterweihe und Tätigkeit im Vatikan ging er 1951 nach New York, wo er als Seelsorger in den puertorikanischen Slums arbeitete und die US-Bürgerschaft erwarb. Von 1956 bis 1960 war er Vizerektor der katholischen Universität in Ponce (Puerto Rico). Durch seine kritische Haltung gegenüber der Politik der katholischen Kirche in Südamerika geriet er in Konflikt mit dem Klerus und dem Vatikan.
1961 wurde Illich einer der Direktoren des von ihm gegründeten Centro intercultural de documentacion (CIDOC) in Cuernavaca bei Mexiko. Ursprünglich eine Institution zur Einführung von Entwicklungshelfern in Sprache und Kultur Lateinamerikas, entwickelte es sich schnell zu einem intellektuellen Zentrum politischer Diskussion und Aktivität gegen die südamerikanischen Militärdiktaturen. Illich übte dabei auch Kritik an den "kulturzerstörerischen" Entwicklungsprogrammen und der ökonomisch-politischen Ausbeutung Lateinamerikas sowie allgemein am Konzept des unbegrenzten Wachstums sozialer Institutionen.
Illich zog sich immer wieder den Zorn der katholischen Kirche zu, so konterte er ein Glaubensverfahren der Kurie mit der Offenlegung eines geheimen Dokuments. Er schmuggelte 85 Frage, welche ihm die "Kongregation für die Glaubenslehre" bei einem Verhör vorlegte, an die Öffentlichkeit und stellte damit die Kurie bloß. 1969 gab Illich das Priesteramt auf Grund wachsender Konflikte mit Rom auf, erklärte jedoch, dass er weder vom Breviergebet noch vom Zölibat befreit werden wolle.
Seit der Schließung des CIDOC im Jahr 1976 nahm er Gastprofessuren an deutschen, japanischen und amerikanischen Universitäten wahr. So lehrte der gebürtige Wiener mit dem amerikanischen Pass seit 1991 in Bremen und war als Professor der Staatlichen Universität von Pennsylvania tätig.
Er war zudem Autor zahlreicher zivilisationskritischer Veröffentlichungen wie "Die Entschulung der Gesellschaft", "Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik", "Die Nemesis der Medizin", "Genus - Zu einer historischen Kritik der Gleichheit", "H2O und die Wasser des Vergessens" oder "Was macht den Menschen krank".
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