Montag, 2. Dezember 2002

Geiselnehmer vom Bahnhof Meidling vor Gericht

  • Angeklagter gestand und entschuldigte sich
  • Gutachterin verhindert, Verhandlung auf 17.12. vertagt

Um die Vergewaltiger seiner Freundin zu finden, ging im vergangenen August der 31-jährige Harald B. mit einer Pistole bewaffnet in sein Stammlokal, das "Cafe Kevin" am Meidlinger Bahnhof. Er traf zwar einen der Übeltäter an, dieser konnte jedoch flüchten, und B. verschanzte sich mit einem völlig unbeteiligten ÖBB-Bediensteten in einem anliegenden Aufenthaltsraum. Heute musste sich der 31-Jährige u.a. wegen erpresserischer Entführung, Körperverletzung und gefährlicher Drohung vor einem Wiener Schwurgericht verantworten.

B. bekannte sich schuldig. Der Tat vorangegangen war ein Streit mit seiner 28-jährigen Freundin. Es kam zu einer Rangelei, wobei sich Daniela B. verletzte und genäht werden musste. Aus Ärger kam sie die Nacht darauf nicht nach Hause. Drei Tage später erzählte sie ihrem Lebensgefährten, sie habe mit dem Kellner und zwei weiteren Männern aus dem Lokal "Cafe Kevin" die Nacht verbracht. Wegen des hohen Alkoholkonsums konnte sich die Frau zwar nur mehr an wenig erinnern. Aber sie war der Meinung, vergewaltigt worden zu sein. Einen Beweis dafür sah sie darin, dass auf ihrem schwarzen T-Shirt weiße Flecken waren, die ihrer Meinung nach auf Spermaspuren hindeuteten.

Ihr Freund geriet in Rage, holte sich die Waffe von seinem Vater und ging am Vormittag des 24. August in das Stammlokal. Erst am Nachmittag traf er auf einen der Übeltäter, den Kellner, bedrohte ihn und fragte ihn, ob er mit seiner Freundin geschlafen hätte. Der Bedrohte meinte, warum er denn nicht seine Freundin fragen würde, sie würde hinter ihm stehen. B. drehte sich um, und Kellner konnte flüchten.

Als der 31-Jährige nach dem Davongelaufenen suchte, traf er in einem Aufenthaltsraum der ÖBB auf einen Bahnbediensteten. "Ich habe ihn gefragt, ob er den Kellner kennt, er sagte 'Nein'. Ich wollte aber unbedingt, dass der Kellner und die beiden anderen Vergewaltiger geholt werden", sagte B. vor Gericht aus. Deshalb verschanzte er sich mit den ÖBB-Beamten mit den Worten: "So Leid es mir tut, aber Du bist jetzt meine Geisel" in dem Raum.

Täter entschuldigte sich bei Opfer
"Ich habe ihm (die Geisel, Anm.) immer wieder gesagt, dass ihm nichts passieren wird. Ich wollte ihn nicht erschießen", sagte Harald B. vor Gericht aus. Nachdem der 31-Jährige aufgegeben hatte, habe er dem ÖBB-Bediensteten die Hand gegeben und sich entschuldigt. "Sicher hab' ich Angst gehabt", sagte der 54-Jährige seinerseits. "Weil er sich ja selber vor Polizei gefürchtet hat, weiß man ja nicht, was passiert." Zudem habe der Bahnbedienstete auch Angst gehabt, dass "ein Polizist ein bisserl zu mutig wird".

Verhandlung vertagt
Für die Verhandlung wurde ein psychiatrisches Gutachten erstellt. Gutachterin Sigrun Rosmanith war verhindert. Deshalb wurde die Verhandlung auf den 17. Dezember vertagt.

2.12.2002 22:24