Dienstag, 26. November 2002

FPÖ: Der blaue Salto mortale

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Sein Ultimatum nach dem FPÖ-Total-Absturz: Partei zurück auf Haider-Kurs oder Total-Crash. VP-Minderheitsregierung stützen – binnen Wochen neue Revolte, um Schüssel zu stürzen.

Raufen sich internationale Großmedien wie BBC oder AP, praktisch alle deutschen Fernsehstationen und Blätter aus Bratislava bis Barcelona in Österreich um die besten Plätze, kann das nur zwei Ursachen haben: Entweder es hat sich wieder eine elementare Naturkatastrophe ereignet – oder Jörg Haider hat etwas zu sagen.

Fünfte Rücktrittsdrohung
Heute, vor dem Büro des freiheitlichen Parlamentsklubs, am gar nicht blauen Montag nach der denkwürdigen Wahl, hat’s ein wenig von beidem: Nach der schwersten Niederlage einer einzelnen Partei in der Geschichte der 2. Republik, dem Absturz von 26,9 auf 10,2 Prozent, hat Jörg Haider seinen Rücktritt angekündigt. Zum schon fünften Mal im sich neigenden Jahr zwar, aber angesichts des Ausmaßes dieses Debakels, das die FPÖ auf den Stand von Haiders Start im Jahre 1986 zurückkatapultierte – nach Auszählen der Wahlkarten könnte sogar ein einstelliges Ergebnis drohen –, nehmen es die Medienvertreter etwas ernster als sonst.

Und so kann Jörg Haider die Spannung noch etwas aufrechterhalten, als er nach der mehrstündigen Sitzung wortlos, die treuen Sekretäre und Bodyguards dicht hinter sich, die Parlamentsstufen im Laufschritt hinunterrauscht, um sich in der Privatmaschine von Thomas Prinzhorn fliegend nach Klagenfurt zu verfügen, wo schon die Kärntner FPÖ darauf wartet, ihn vom Rücktritt als Landeshauptmann abzuhalten.

Dort gab sich die FPÖ wieder einmal – zum wie vielten Male in diesem Jahr? – ihrer Lieblingsbeschäftigung hin: dem nächtlichen Krisensitzen. Hatte Parteichef Herbert Haupt nach der Sitzung in Wien noch zufrieden festgestellt: „Haider bleibt!“, tagten die Kärntner Parteifreunde bis lang nach Mitternacht.

Ausschluss für die Treulosen
Bei der Sitzung mit seiner Wiener Parteispitze hatte Jörg Haider jedenfalls erreicht, was er wollte: Parteiobmann Herbert Haupt darf zwar mit Bundeskanzler Wolfgang Schüssel über die Fortsetzung von Schwarz-Blau Gespräche führen, muss aber auch den Parteiausschluss von Finanzminister Karl-Heinz Grasser und Ex-Klubchef Peter Westenthaler einleiten. Die hatten Kritik an Haider geübt, sich also des schwer parteischädigenden Verhaltens schuldig gemacht.

So was sorgt zumindest kurzfristig für geschlossene Reihen. Im NEWS-Interview stellt sich Parteichef Haupt jedenfalls voll hinter Haider und droht allfälligen weiteren Kritikern auch mit Konsequenzen: „Ich bin es wirklich leid und werde das künftig nicht mehr zulassen.“

Und selbst Hubert Gorbach, im normalen Parteialltag eigenständigen Denkens nicht unverdächtig und eigentlich Grassers Freund, übt gegenüber NEWS Solidarität: „Ich habe schon Verständnis dafür, dass viele Menschen an unserer Basis sagen, der Karl-Heinz ist mitten im Wahlkampf für die ÖVP aufgetreten, so geht das nicht. Dass so ein Verhalten Zores bringt, muss auch Grasser klar gewesen sein.“

Mit der geplanten Verbannung der dissidenten Ex-Aushängeschilder Grasser und Westenthaler will die FPÖ offensichtlich von der Ratlosigkeit ablenken, wie mit der bittersten politischen Niederlage ihrer Geschichte umzugehen sei.

Auch wenn der Kärntner Landeshauptmann wieder die gewünschten Demutsgesten dargeboten bekam und Hunderte Faxe in der Kärntner FP-Zentrale mit „Jörg, bitte bleib“ eingelangt sind, durchwatet Haider ein Wechselbad der Gefühle.

Zwischen Kalkül und Betroffenheit
Die Gedanken an Rücktritt schwankten an diesem Montag tatsächlich zwischen Kalkül und tiefer persönlicher Betroffenheit. Schließlich hat nicht nur die Partei, sondern auch der Gründervater der erfolgreichsten rechtspopulistischen Partei und die vormals so unbestrittene blaue Wahlkampflokomotive eine empfindliche persönliche Niederlage hinnehmen müssen. Er musste nicht nur zur Kenntnis nehmen, dass sein größter politischer Feind, Wolfgang Schüssel, – auf seine Kosten – zur eindeutigen Nummer eins in Österreich wurde. Er musste sogar in seiner politischen Heimat Kärnten – von wo er Anfang der achtziger Jahre seinen Marsch auf Wien gestartet hatte und von Sieg zu Sieg geeilt war – herbe Verluste hinnehmen. Die FPÖ ist dort vom ersten Platz auf den dritten Platz abgestürzt.

Abtauchen am Berg
Am Tag seines größten persönlichen Debakels war Jörg Haider „abgetaucht“. „Er ist am Berg“, lautete die lakonische Auskunft seiner Umgebung. Nur seine allerengsten Mitarbeiter durften zu ihm Kontakt halten und ihm die stündlich eintreffenden Hiobsbotschaften übermitteln.

An sich nicht ungewohnt bei Haider. Das Untertauchen bei sich abzeichnendem Ungemach ist ein probates Mittel Haider’scher Krisenbewältigung. Allerdings hatte er sich an einem Wahltag immer noch der Öffentlichkeit gestellt.

Isabelle Daniel

Die ganze Story lesen Sie im neuen NEWS.

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    26.11.2002 14:29