Dienstag, 26. November 2002

Schüssel: Das Polit-Beben

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Endlich am Ziel: Wie Schüssel nach fast vier Jahrzehnten die ÖVP auf den ersten Platz zurückkatapultierte. Plus: Das Wahlkampf-Tagebuch des schwarzen Kanzler-Machers.

Es war ein schwarzer Sonntag, und es war ein Sonntag, wie ihn ähnlich nur Sonnenkönig Bruno Kreisky anno dazumal – mit freilich noch viel größeren Mehrheiten – erleben durfte: 42,27 Prozent für die ÖVP. Ein Erdrutschsieg.

Die Aufkleber mit der großen Nummer 1 hatte Wahlkampfmanager Reinhold Lopatka für alle Fälle vordrucken lassen. Nach der ersten Hochrechnung Sonntag um 17 Uhr war mit vornehmer Zurückhaltung jäh Schluss: Die Jubelstürme im überheizten und überfüllten Partyzelt in der Wiener Lichtenfelsgasse schallten bis weit über den Ring hinaus, und die Menge riss sich um einen billigen Nummer-1-Kleber.

Schwarz ist wieder wer
Keine Frage: Die ÖVP ist wieder wer im Land. Und sie hat es einem Mann zu verdanken: Wolfgang Schüssel. Alois Mock hatte stets davon geträumt, Josef Riegler und Erhard Busek hatten das Ziel nie erreicht, erst Schüssel es tatsächlich zuwege gebracht: die SPÖ zu überholen. So wie es bis 1970 politischer Brauch gewesen war in der Zweiten Republik.

Salzburgs Landeshauptmann Franz Schausberger, euphorisch: „Es war wie 1966, als Josef Klaus die Absolute errang. Damals hatten wir den Song ‚Entscheide gut, entscheide frei, entscheide für die Volkspartei‘.“

Mock war damals schon aktiver Politiker, aber der vergangene Sonntag war selbst ihm, der schon viel erlebt hat, zu viel: Die Tränen standen dem von seiner Krankheit schwer gezeichneten Ehrenobmann in den Augen, als er Schüssel umarmte.

Der 24. November 2002 wird künftig wohl als schwarzer Feiertag zelebriert. Samt obligatorischem Stoßgebet und dem Absingen der Bundeshymne. Schließlich war es auch ein Tag der Genugtuung. Denn allzu tief sitzt die Erinnerung an die Regierungsangelobung des Kabinetts Schüssel I, als dieser samt Truppe unterirdisch zu Klestil marschieren musste und fortan der Buhmann in Europa war.

Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer stand diese Genugtuung ins Gesicht geschrieben. „Jetzt rufen meine europäischen Freunde an“, seufzte Molterer, nachdem soeben der französische Kollege auf seinem Handy anrief und in fließendem Deutsch gratulierte. Vor zweieinhalb Jahren waren die Sanktionen der EU-14 auf Betreiben Frankreichs verhängt worden.

EU-Lady Ursula Stenzel jubilierte fast enthemmt: „Wir werden künftig den Ton angeben. Ich freue mich schon sehr auf manche peinlich berührten Gesichter, wenn er beim Gipfel in Kopenhagen als selbstbewusster, starker Kanzler auftritt. Niemand kann ihn mehr in ein Eck stellen, schon gar nicht in ein faschistoides.“

Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer telefonierte von Linz aus mit Schüssel: „Jetzt san ma nach weiß ich wie vielen Jahren wieder Erste im Land, und das aus einer Position heraus, wo uns die meisten lieber eine Sterbeurkunde als eine Siegerurkunde ausstellen wollten. Was für eine Genugtuung.“ Niederösterreichs Erwin Pröll setzte sich samt Gattin Eli-sabeth „Sissy“ am späten Abend noch ins Auto und fuhr nach Wien. Dort polterte der mächtige Landeschef: „Die selbst ernannten Oberdemokraten, die versucht haben, mit Trillerpfeife und Getöse die Demokratie auf den Kopf zu stellen, sind wieder auf den Boden der Realität zurückgeführt worden.“

Und so hatte vergangenen Sonntag alles begonnen:

Fassungsloser Ballhausplatz
Sonntag, 14.12 Uhr, Bundeskanzleramt. Ins Metternich-Zimmer, wo Schüssel seit Amtsantritt residiert, hat sich der Kanzler mit seinen engsten Getreuen zurückgezogen. Andreas Khol, Elisabeth Gehrer, Wilhelm Molterer, Maria Rauch-Kallat. Die 40-Prozent-Marke ist da schon übersprungen, von 42 bereits die Rede. Schüssel, stammelnd: „Ich fasse es nicht, ich fasse es nicht.“ Erste Telefonate mit ÖVP-Landesfürsten. Der Kanzler zu jedem seiner aufgeregten Gesprächspartner: „Du, wir sitzen da, ganz erschlagen, der Willi, die Maria, der Andreas, die Elisabeth, ich. Wir fassen das eigentlich nicht. Unglaublich!“

Zu groß war die Angst gewesen, bei dieser Wahl vielleicht doch bei guten 38 Prozent anzukommen, trotzdem aber den Kanzlerposten zu verlieren. Das wäre „ganz schrecklich gewesen“, so ein Teilnehmer dieser kleinen Schüssel-Runde. Gegen 14.30 Uhr schlägt die Fassungslosigkeit in Gerührtheit um. Nasse Augen im Kanzleramt. Auch beim Regierungschef. Zu diesem Zeitpunkt sind – die Millionenstadt Wien schon berücksichtigend – die 42 Prozent für die ÖVP so gut wie fix, vor allem aber der Siegesabstand von fünf Prozent zur SPÖ zementiert. Um 14.37 greift Schüssel erneut zum Telefon.

Klestil gratuliert
Anruf beim Staatsoberhaupt. Bundespräsident Thomas Klestil gratuliert, sagt, dass er sich freue. Die ÖVP-Truppe nimmt diese präsidiale Äußerung, eingedenk des einstigen eisigen Angelobungsklimas am 4. Februar 2000, zunächst einmal „so zur Kenntnis“. Schüssel vereinbart mit seinem Rivalen von der anderen Seite des Ballhausplatzes für Montag, 10.30 Uhr, ein erstes offizielles Gespräch. Im Zwiegespräch Schüssel-Klestil fällt von der Hofburg kein Wort über Sondierungsgespräche. Fazit: Die kleine Truppe rund um Schüssel rechnet zu dieser Stunde mit einem „sehr raschen“ Regierungsbildungsauftrag für Schüssel, „nachdem die Verhältnisse so klar sind“. Des Kanzlers Wunsch an das Christkind: Noch vor Weihnachten soll eine neue Regierung stehen. Pröll wägt die Für und Wider ab und kommt zum Schluss: Einen Versuch ist es wert. Noch dazu, wo beide zu diesem Zeitpunkt damit – nach jetzigem Stand zu Unrecht – rechnen, dass Kanzler-Herausforderer Alfred Gusenbauer in den nächsten Wochen das Handtuch schmeißen würde.

Britta Blumencron, Hubert Wachter, Mitarbeit: K. Wendl

Die ganze Story lesen Sie im neuen NEWS.

Außerdem:

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  • Schüssels Wahlkampf-Tagebuch
  • Wolfgang Schüssel: Die Karriere ohne Beispiel
  • Reinhold Lopatka, der Kanzler-Macher

    26.11.2002 14:25