Freitag, 29. November 2002

Antwerpen: Trauer um ermordeten Marokkaner

  • Nach Krawallen: Familie des Toten ruft zur Ruhe auf

Drei Tage nach der Ermordung eines Islamlehrers aus Marokko haben sich am Freitag bis zu 3.000 Menschen in Antwerpen friedlich dem Trauerzug für den 27-Jährigen angeschlossen. "Wir sind einer wie der andere, ob schwarz oder weiß, Belgier oder Marokkaner, Moslem oder Nicht-Moslem", appellierte der Bruder des Getöteten, Satif Achrak, an die Trauergäste. Der Leichnam des 27-Jährigen soll am Sonntag nach Marokko überführt werden.

Der Schuss auf den jungen Mann hatte in der zweitgrößten belgischen Stadt am Dienstag und Mittwoch heftige Unruhen ausgelöst. Nach stundenlangen Zusammenstößen mit der Polizei waren 160 Menschen festgenommen worden - bis auf 20 wurden sie später wieder freigelassen.

Unterdessen erhob die Staatsanwaltschaft von Antwerpen Anklage gegen den Vorsitzenden der Arabischen Europäischen Liga (EAL), Abou Jahjah. Dem zuvor festgenommenen Anführer der arabischen Organisation würden vorsätzliche Unruhestiftung, Verkehrsbehinderung, Fahrzeugbeschädigung sowie Tätlichkeit gegenüber Polizeibeamten vorgeworfen, hieß es in einer Erklärung des Staatsanwalts. Die sozialistische Bürgermeisterin von Antwerpen, Leona Detiege, macht die EAL für die Krawalle der beiden Nächte verantwortlich. Der belgische Regierungschef Guy Verhofstadt hatte der Organisation nach den Ausschreitungen mit einem Verbot gedroht.

"Unser Bruder ist ein Märtyrer", rief der Vorbeter, Imam Yousfi, den in einer Sporthalle versammelten Gläubigen zu, die um Achrak trauerten. Zugleich rief er zur Ruhe auf. "Der Islam steht gegen Hass, wo auch immer her herrührt. Gewalt bringt nichts. Gewalt führt nur zu Gewalt." Auch der Vater des Toten rief zur Ruhe auf. "Wenn Ihr meinen Sohn ehren wollt, solltet Ihr alle ruhig bleiben und Respekt vor jedem Leben haben."

Die Trauerfeier fand nur wenige Stunden statt, nachdem gegen den gebürtigen Libanesen Dyab Abou Jahjah, der Arabische Europäische Liga (EAL) anführt, Haftbefehl erlassen worden war. Die Liga übte scharfe Kritik an der Regierung. "(Der Umgang mit) EAL ist ein Test für die Demokratie in Belgien und wir hoffen, dass die von der Regierung angeführte Hysterie bald zu einem Ende kommt", erklärte die Gruppe. Die "belgische Regierung und die zionistische Lobby" trügen die Verantwortung für jedes Blutvergießen. Bei den Ausschreitungen nach dem Tod des marokkanischen Lehrers hatten Hunderte Jugendliche auf den Straßen Fenster eingeschlagen, Autos zerstört und Polizisten mit Steinen beworfen.

Die Liga erklärte, sie sei für den Ausbruch der Gewalt nicht verantwortlich, sondern habe vielmehr versucht, zur Beruhigung der Lage beizutragen. In der 450.000 Einwohner zählenden Stadt Antwerpen leben rund 30.000 Menschen arabischer Herkunft und 20.000 Mitglieder der alteingessenen jüdischen Gemeinde. Die Hafenstadt ist gleichzeitig eine Hochburg des rechtsgerichteten Vlaams Blok, der bei den jüngsten Kommunalwahlen auf 33 Prozent der Stimmen kam. Ministerpräsident Guy Verhofstadt hat erklärt, er erwäge ein Verbot der EAL.

29.11.2002 21:38