Auf dem Zenit seiner Karriere: Chirac ist 70
- "Jacques im Glück" von qualvoller "Cohabitation" erlöst

Drei Anläufe hat er für das Präsidentenamt gebraucht. Dann verfolgten ihn Finanzaffären aus seiner Zeit als Pariser Bürgermeister. Seine Partei, die Neo-Gaullisten, wollten nicht aufhören zu streiten. Und seine Atombombentests sorgten international für Zorn und Hohn. Doch jetzt liegt das alles hinter Chirac. Mit 70 steht er vor einem Land, das auch im Parlament von seiner geeinten Partei regiert wird.
Vor einem Jahr noch, als ihn der etwas jüngere Sozialist Lionel Jospin im Pariser Elysee-Palast ablösen wollte, mochte der französische Staatspräsident nicht so gern an sein Alter erinnert werden. Nun steht der Mann, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, auf dem Zenit seiner jahrzehntelangen Karriere. Er wirkt lockerer und entspannter denn je.
"Jacques im Glück" - so nennen ihn mitunter seine Landsleute und bescheinigen dem konservativen Chirac eine kaum zu erschütternde Position. Als routinierter Vollblutpolitiker und gewiefter Taktiker ist er in dem ablaufenden Jahr endlich dort angekommen, wo er doch schon so lange hinwollte. Gegen den überraschenden Gegenkandidaten Jean-Marie Le Pen aus der rechtsextremen Ecke bekam er bei seiner Wiederwahl das seit Jahrzehnten beste Ergebnis eines Kandidaten. Und in dem Sog hin zur gemäßigten Rechten verschafften ihm die Franzosen danach eine satte absolute Parlamentsmehrheit. Er und sein Premierminister Jean-Pierre Raffarin: "So viel Harmonie war selten", lobte der Pariser "Figaro".
Gute Umfrage-Werte
Auch wenn Frankreich gewaltige Finanznöte zu schaffen machen und die Auseinandersetzungen mit den Gewerkschaften an allen Fronten aufbrechen - in den Umfragen erhalten Chirac und Raffarin weiterhin die besten Noten. Und dies nicht zuletzt, weil sie der Kriminalität zu Leibe rücken und die Straßen sicherer machen wollen. Das war 1995 noch sehr viel anders. Nur wenige Monate dauerte es, bis der frisch gewälte Präsident und sein Premierminister Alain Juppe' in der Wählergunst "unten durch" waren. Es folgte der vielleicht größte Fehler des Politikers Chirac. Er verlegte sich auf Neuwahlen, um Luft zu bekommen. Das Ergebnis war, dass der linke Premier Jospin nachrückte.
Seit dem doppelten Wahlerfolg in der ersten Jahreshälfte 2002 will Chirac sich - so wie nach einem Befreiungsschlag - das Heft nun nicht mehr aus der Hand nehmen lassen. In der Außenpolitik glänzt er durch ein geschicktes Verhalten Washington gegenüber in der Irak-Frage, was die Vereinten Nationen stärkt und so ganz nebenbei auch das Image der Vetomacht Frankreich im Weltsicherheitsrat. Kurz darauf erreicht er mit der Gründung der neuen Dachpartei UMP eines seiner wichtigsten Ziele - das zersplitterte rechte Lager wird zur konservativen Volkspartei.
Neue Ära für die Bürgerlichen
Frankreichs Bürgerliche eröffnen eine neu Ära. Und die Franzosen fragen sich, warum ihr jetzt 70-jähriger Präsident diesmal so überaus schnell daran ging, seine Wahlversprechen vom Parlament einlösen zu lassen. Will er etwa im Jahr 2007 ein weiteres Mal antreten, obwohl sich sein enger Verbündeter und Ziehvater dieser rechten Dachpartei, Alain Juppe', doch dafür bereits aufbaut? Jahrzehntelang Abgeordneter und Bürgermeister von Paris, zwei Mal Premierminister und seit 1995 Präsident, scheint Chirac den Gipfel der Macht so rasch nicht räumen zu wollen.
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