Mittwoch, 27. November 2002

NÖ: Entführung beendet, Verdächtiger in Haft

  • Spezialeinheit befreite Frau nach 24-stündigem Martyrium
  • Verdächtiger sperrte Opfer gefesselt in den Kofferraum!

"Wennst brav bist, passiert dir nichts." Ein unvorstellbares Martyrium musste eine 18-jährige Niederösterreicherin erdulden. Die junge Frau befand sich 24 Stunden in der Gewalt eines Entführers. Gefesselt in einem Kofferraum. Dann wurde sie von der Polizei befreit. Die Scheibbserin ist am Montagabend nach Verlassen ihres Arbeitsplatzes von einem Unbekannten mit vorgehaltener Pistole gekidnappt worden.

"Wennst brav bist, passiert dir nichts. Ich will nur Lösegeld." Mit diesen Worten zwang der Entführer die 18-Jährige aus Scheibbs, die auf dem Weg zu ihrem im Bereich des Bahnhofes Amstetten geparkten Wagen gewesen war, in den Kofferraum seines Wagens zu klettern. Er stülpte ihr einen Strumpf über den Kopf und entriss ihr die Handtasche.

Anschließend fuhr der Oberösterreicher mit seinem Pkw der Marke BMW 525 TDS (Kennzeichen FR - RUDI 1) nach Linz. Auf dem Weg dorthin hielt er in einem Waldstück an und "erkundigte" sich beim Opfer nach dessen Bankomat-Code und der Telefonnummer der Mutter.

In der Folge besorgte er dem Opfer eine Coladose und eine Wurstsemmel und kaufte ein Wertkartenhandy, mit dem er vom Hauptbahnhof Linz aus die Mutter der jungen Frau anrief. Er forderte 100.000 Euro oder Schilling - die geschockte Mutter konnte sich in der Hektik nicht mehr an die Währung erinnern. Das Geld sei am nächsten Tag zu übergeben, sonst würde sie die Tochter nicht mehr lebend sehen, erklärte der Anrufer in Mostviertler Dialekt.

Gegen Mitternacht hob er mit der Bankomatkarte des Opfers 400 Euro ab, wobei er von der Überwachungskamera gefilmt wurde. Nach Angaben der KA NÖ wurde wegen der Gefährdung des Opfers davon Abstand genommen, diese Lichtbilder zu veröffentlichen. Interne Nachforschungen führten zu diesem Zeitpunkt noch nicht zum mutmaßlichen Täter.

Oberst Franz Polzer schilderte der APA ein Detail, das die brutale Vorgangsweise des Verdächtigen, der sein Opfer vollkommen willkürlich ausgewählt hatte, belegt: Demnach hat der Mann noch ein Bordell besucht, während die 18-Jährige gefesselt im Kofferraum ausharren musste.

Dienstag Nachmittag meldete sich der Mann wieder bei der Mutter und beorderte einen Geldüberbringer zur Autobahnraststätte Ansfelden bei Linz. Dort sollte das Geld in einem Müllcontainer deponiert werden. Die Kriminalisten beobachteten den Vorgang. Ein Zugriff war laut Polzer jedoch noch nicht möglich, da sich die 18-Jährige im Kofferraum des Wagens befand und man keine gefährliche Situation heraufbeschwören wollte. In der Folge wurde der Entführer mit Hilfe nicht näher genannter technischer Hilfsmittel observiert. Name - Richard W. - und Wohnort wurden ausgeforscht.

Als die Beamten zum Haus in Tragwein (Bezirk Freistadt) kamen, öffnete W. selbst die Tür und ließ sich widerstandslos festnehmen. Als Motiv nannte er seine Arbeitslosigkeit sowie Schulden in der Höhe von rund 29.000 Euro. Daher habe er am Sonntag den Entschluss gefasst, irgend jemanden zu entführen und Lösegeld zu erpressen. Nach der missglückten Geldübergabe in Ansfelden beschloss er übrigens, den geforderten Betrag zu verdoppeln.

27.11.2002 12:26