Österreichische Mediathek geht in die Offensive
- Digitalisierung: Rascher Zugriff auf audiovisuelles Archiv
- Aktionstage vom 22. bis 24. November
Fast hört sich die Stimme an, als gehöre sie einem Wesen von einem anderen, fernen Planeten. Ein paar Sätze, die von Kaiser Franz Joseph im Jahr 1900 gesprochen wurden, machen auf einen Schlag deutlich, wie wichtig das audiovisuelle Erbe der Menschheit ist. Gespeichert ist das Tondokument in den Archiven der Österreichischen Mediathek, einer Abteilung des Technischen Museums. 20 bis 30 Benützer finden jeden Tag in das Marchettischlössl in der Wiener Gumpendorfer Straße, zumeist Studenten, Forscher oder Journalisten. "Die breite Öffentlichkeit hat uns noch nicht entdeckt", klagte Mediathek-Leiter Rainer Hubert. Das soll nun anders werden. Vor Ort und im Internet startet die Mediathek eine Offensive.
Über eine Million Einzelaufnahmen auf 250.000 Ton- und Bildträgern (darunter rund 75.000 Schellacks, 30.000 Schallplatten und 12.000 Videos) lagern in den Archiven der Mediathek. Vor drei Jahren hat man mit der Digitalisierung der wichtigsten Dokumente begonnen - um sie nach modernstem Stand der Technik zu sichern, ihre Vervielfältigung ohne Qualitätsverlust sicherzustellen und einen raschen Zugriff zu ermöglichen. Damit auch der normale Besucher in den Genuss dieser Verbesserungen kommt, hat man "voxboxen" entwickelt, multimediafähige PCs, die die gewünschten Dokumente in Windeseile als mp3-Files zu Verfügung stellen. Fünf derartiger voxboxen sind bereits in der Mediathek zugänglich, zwei weitere sollen im Technischen Museum aufgestellt werden.
Gesamtes Archiv im Internet
Das gesamte Archiv kann als Online-Katalog aus dem Internet aufgerufen werden. Viele Tondokumente stehen hier im real audio-Format ausschnittweise zur Verfügung, ein Download ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich. In akustischen Galerien kann man aber auch durch die Bestände schlendern und hört Leopold Figls legendäres "Österreich ist frei!" ebenso wie Musikbeispiele oder Interview-Passagen von Arnold Schönberg und vieles andere. Als besonderen Anreiz für das Publikum bietet Rainer Hubert Interessierten die Möglichkeit an, der eigenen Nachkommenschaft akustische Erinnerungen zu hinterlassen. Auch diese sollen via Web abgerufen werden können. "Ihr Wort für die Ewigkeit" heißt die ungewöhnliche Aktion, die auch bei den kommenden Aktionstagen der Mediathek (22.-24.11.) jeweils nachmittags (14-18 Uhr) angeboten wird.
Nicht nur Stimmproben von Persönlichkeiten
Es sind durchaus nicht nur berühmte Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Geschichte und Wissenschaft, deren Stimmproben die Mediathek gespeichert hat. Verstärkt schwärmen eigene Teams aus, um neben politischen Konferenzen oder Dichterlesungen auch das Alltagsleben in Bild und Ton einzufangen. "Wir wollen ungeschnittenes Quellenmaterial produzieren, das später für Wissenschafter oder Journalisten benützbar ist", beschriebt der Mediathek-Leiter diese Aufgabe. Der größte Teil der archivierten Bild- und Tondokumente sind jedoch publizierte Tonträger und Videos. Österreich sei "fast das einzige Land", in dem es im Bereich der audiovisuellen Medien keine "Pflichtstücke" wie bei den Printmedien gebe, bedauert Hubert, "alles, was wir brauchen, müssen wir kaufen - oder uns schenken lassen."
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