Freitag, 22. November 2002

Daum tritt auf Bremse des violetten Luxusschlittens

  • Deutscher Austria-Trainer baut auf Faktoren Zeit und Stabilität
  • Sportdirektor Svetits: "Großer Umbau ist abgeschlossen"

Dass die T-Mobile Bundesliga und der Europacup zwei verschiedene Paar Fußball-Schuhe sind, ist nichts Neues. Die Wiener Austria, die vor dem Schlager der 20. Runde am Sonntag daheim gegen den Tabellendritten Sturm Graz zwölf Punkte Vorsprung auf Aufsteiger SV Pasching aufweist, kann davon ein Lied singen. National "on top", international gegen Porto ein Flop, so könnte man ein Zwischenresümee betiteln. "Unser Aufschwung war rasant, vielleicht wurden dadurch einige auch überfordert", sagt Trainer Christoph Daum zu dem herbstlichen Wechselbad der Gefühle.

Der Deutsche tritt daher ganz bewusst auf die Tempobremse des violetten Luxusschlittens. Manchmal gingen Dinge einfach zu schnell, die Austria sei jetzt auf dem Weg nach oben an der Mittelstation angelangt, wo sie sich eine Pause gönnen müsse. "Ich bin dabei, ein Fundament aufzubauen und die Mannschaft zu stabilieren. Die Abwehr und das Mittelfeld haben wir verbessert, jetzt müssen wir die Zerstörer hinten auch zu Aufbauern umpolen", nennt der Schachner-Nachfolger seine dringlichsten Aufgaben.

Österreicher sollen verpflichtet werden
Sein Ziel sei es stets, die Mannschaft auf ein höheres Niveau zu ziehen. "Die ersten zwanzig Minuten in Porto waren da ein kleiner Lichtblick, der mich positiv stimmt", meint Daum, der nicht bereit ist, mit der Gießkanne durch die Welt zu tingeln und das Geld von Frank Stronach zu vergeuden. Die Austria sehe sich daher gezielt nach Österreichern um. Mit den Verpflichtungen von Parapatits (DSV Leoben) und Pircher (SW Bregenz) wurde auch schon die ersten Zeichen gesetzt.

Violette Schmuckstücke aus Rohdiamanten
Solche Rohdiamanten (Talente) mit Edelsteinen (Stars) versetzt sollen letztlich zum violetten Schmuckstück mutieren, lautet die Philosophie am Wiener Verteilerkreis. Ankündigungen, die Veilchen würden auch in Zukunft groß einkaufen, gehen Daum auf die Nerven. "So werden wir unglaubwürdig, wir holen nur den einen oder anderen Ausländer. Ich sehe hier die Zukunft in der Jugend," erklärt der Deutsche.

Daum hat Visionen
Austria solle die erste Adresse für den Nachwuchs werden. Daum bindet auf diesem Sektor nicht nur die Stronach-Akademie in Hollabrunn, sondern auch die Amateure in seine Visionen ein. "Wir haben seit Sommer 13 Spieler geholt, mit denen wir für Österreich das Auslangen finden. Um aber international zu reüssieren, bedarf es einer Entwicklung von zwei, drei Jahren. Die Mannschaft muss internationale Erfahrung sammeln. Wir sind erst am Anfang, doch wir werden dorthin kommen, wo wir wollen", betont Sportdirektor Peter Svetits.

Defizite aufholen
Derzeit gebe es Defizite, die es aufzuholen gilt, bemerkte die rechte sportliche Hand von Mäzen Frank Stronach. Aufholbedarf trat vor allem im UEFA-Cup gegen Porto und in Ried, wo es die erste Liga-Niederlage unter Daum setzte, deutlich zu Tage. "Einen an den Pranger zu stellen oder Rundumschläge zu verteilen, bringt nichts. Doch wird hie und da Klartext gesprochen und dann gehandelt. Über nationale Spiele muss sich die Mannschaft und jeder Einzelne für höhere Aufgaben steigern", so der Austria-Trainer. Ein "unheimliches Potenzial" sei jedenfalls vorhanden.

22.11.2002 15:37