Mittwoch, 13. November 2002

Alfred Gusenbauer: "Ich will da rein"

  • PLUS: Rotes Team & Programm
  • Umfrage: Kann Gusenbauer Kanzler werden?

Endspurt: Wie der SP-Kandidat im Finale doch noch Platz eins retten und dann als erster rot-grüner Kanzler Österreich verändern will. Sein Regierungsteam und seine Pläne für die ersten hundert Tage im Kanzleramt.

Das „Vestibül“ ist praktisch menschenleer. Knapp vor der mitternächtlichen Sperrstunde des Edelrestaurants im Wiener Burgtheater stochert Alfred Gusenbauer gedankenverloren in seinem Teller mit Artischockenherzen. Weil er bei rund 500 Kilometern im Gusi-Mobil, bei neun Wahlkampfauftritten in zwölf Stunden, dazwischen ein halbes Dutzend Interviews und unzählige Telefonate, einfach nicht mehr zum Essen gekommen ist, hat der SP-Chef diesen Montag die nächtliche Strategiesitzung seines engsten Führungszirkels kurzerhand aus dem Wahlkampf-Container vor der SP-Zentrale ins daneben liegende Wirtshaus verlegt.

Wahlkampfleiterin Doris Bures präsentiert dem Chef die jüngsten parteiinternen Umfragedaten: Aus dem sicheren Platz eins für die SPÖ ist binnen weniger Wochen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der ÖVP geworden. Nachdem Wolfgang Schüssel nun auch noch Karl-Heinz Grasser aus dem Hut gezaubert hat, steht es in der jüngsten Hochrechnung der roten Meinungsforscher pari: 36 zu 36 Prozent. Daten, die den Zahlen aller seriösen Meinungsforscher ähneln – auch in der NEWS-Gallup-Umfrage liegen beide (Wieder-)Großparteien seit Wochen gleichauf.

Die Stimmung am Ende dieses langen Tages ist aufgeputscht – müde, doch gleichzeitig hektisch, euphorisch und so etwas wie trotzig. Bures reportiert, was die aus den USA angeheuerten Berater um PR-Guru Stan Greenberg nun raten und welche technischen Probleme in den nächsten Wahlkampftagen warten – Plakat-Slogans, Inserate und Werbematerialien müssen noch in Focus-Groups abgetestet werden, Medienauftritte wollen organisiert sein und symbolträchtige Events wie zuletzt der Auftritt in Knittelfeld samt offenem Brief an die enttäuschten FP-Wähler eingeschoben werden.

Erfolgserlebnisse
Mit kleinen Erfolgserlebnissen hält man sich bei Laune. Heute, im steirischen Weiz, war einer mit ausgestreckter Hand auf ihn zugekommen, erzählt Gusenbauer. „Ich bin ein Heimkehrer“, hatte der Mann, den man der FPÖ wieder abspenstig machen konnte, mit Tränen in den Augen gesagt. „Mich interessiert jetzt nur noch, was ich bei den Leuten spüre. Und da gewinnen wir“, glaubt Gusenbauer: „Ich sag euch: Fast 3.000 Leute in Wiener Neustadt, so viele sind nicht einmal zum Kreisky und zum Vranitzky gekommen.“

Private Demoskopie
Gusenbauer: „Der Peter Wittmann erzählt von roten Gemeinden in Wiener Neustadt, wo sie 1999 bei den Hausbesuchen noch ,Schleichts euch‘ gehört haben. Dort werden sie jetzt wieder auf ein Schnapserl eingeladen. 3.500 kommen im strömenden Regen nach Steyr.“ Daran, an seine eigene, private Demoskopie, glaube er mehr als an die Meinungsforscher: „Sicher wird es eng. Aber ich will und ich kann gewinnen.“

Ein erster und wichtiger Punkt auf diesem Weg: Im Finale des TV-Wahlkampfs muss der SP-Chef bei drei Auftritten massiv punkten – diesen Donnerstag im wohl vorentscheidenden Duell mit Wolfgang Schüssel (um 20.15 Uhr in ORF 2), am Sonntag in der „Pressestunde“ (11.05 Uhr in ORF 2) und in der „Elefantenrunde“ der vier Parteichefs am kommenden Donnerstag (20.15 Uhr in ORF 2).

Über zwei Wochen wurde dafür recherchiert, wurden dem Chef Unterlagen und Argumentationslinien über Schwachpunkte des Gegners aufbereitet, wurden von Medientrainern wie Hillu Lex, die schon Gerhard Schröder im Wahlkampf coachte, Videos von den Auftritten des Kontrahenten studiert. Und psychologisiert: Sollte Alfred Gusenbauer im Duell mit Schüssel wie in den vorangegangenen Duellen auf „Staatsmann“ machen, der ganz „kanzlerlike“ im dunklen Dreiteiler mit weißem Hemd und roter Krawatte ausgesprochen soft argumentiert? Oder soll sich der SP-Chef – wenn es gut geht, ein letztes Mal – als angriffiger Oppositioneller versuchen, der den politischen Erstschlag gegen den amtierenden Kanzler führt?

Seit Dienstag ist der Terminkalender Gusenbauers – fast – leer geräumt: einige kleinere Auftritte, Interviews, Dienstag noch die Kranzniederlegung vor dem Republikdenkmal durch Gusenbauer und Donnerstag früh ein Referat vor Gewerkschaftern im Wiener Austria Center. Dazwischen noch Mittwoch ein Parteipräsidium, in dem Gusenbauer seine inhaltlichen Ansagen für die Donnerstag-Runde noch einmal absprechen und seine Länderchefs auf die letzten zehn Wahlkampftage einstimmen will. Das war’s.

Neues Hauptquartier
Der Rest des SP-Wahlkampfs spielt sich dann nicht mehr im Container ab – die Seminarräume des Gartenhotels Altmannsdorf im südlichen Wien werden für Gusenbauer und sein Team zum neuen Hauptquartier. Zutritt haben in diesen beiden Tagen nur die beiden Bundesgschäftsführerinnen Doris Bures und Andrea Kuntzl, kurzzeitig dürfen Experten des Parlamentsklubs zu Gusenbauer, um Positionspapiere abzuliefern. Und natürlich sind Medientrainerin Hillu Lex und die Polit-Profis von Stan Greenberg mit von der Partie.

Autor: Josef Galley

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    13.11.2002 14:11