Dienstag, 12. November 2002

Bayer kündigt Abbau von 15.000 Stellen an

  • Wegen Lipobay 5.700 Klagen am Hals

Nach einem deutlichen Gewinneinbruch in den vergangenen neun Monaten hat der Chemie- und Pharmakonzern Bayer den Abbau von 15.000 Stellen bis 2005 angekündigt. Dies entspricht rund 12 Prozent der Beschäftigten. Rund 3.000 Stellen würden noch heuer gestrichen, sagte Bayer-Vorstandschef Werner Wenning am Dienstag in Leverkusen. In Deutschland würden in den kommenden Jahren etwa 5.400 Stellen abgebaut. Doch solle dies möglichst sozialverträglich geschehen.

In den ersten neun Monaten 2002 brach das operative Ergebnis des deutschen Chemieriesen vor allem wegen des Vermarktungsstopps für den wegen möglicher tödlicher Nebenwirkungen vom Markt genommenen Cholesterinsenker Lipobay und wegen der Konjunkturflaute um 42 Prozent auf 862 Mill. Euro ein. Eine grundlegende Verbesserung erwartet Wenning erst im kommenden Jahr. Nur dank milliardenschwerer Firmenverkäufe lag der Konzerngewinn nach drei Quartalen mit 1,5 Mrd. Euro um 79 Prozent über dem Vorjahreswert.

Größtes Sorgenkind im Konzern ist nach wie vor die durch das Lipobay-Desaster angeschlagene Pharmasparte. Hier ist Bayer nun offenbar zu einem grundlegenden Strategiewechsel bereit. Hatte Bayer, einst eine der "Apotheken der Welt", bisher bei Verhandlungen mit dringend benötigten Partnern stets die Führungsrolle in einem gemeinsamen Unternehmen beansprucht, so kündigte Wenning nun an, das angestrebte Bündnis werde nicht an starren Beteiligungsansprüchen scheitern. "Eine Partnerschaft, in der Bayer die Mehrheit hält und die gleichzeitig unserem Geschäft weiterhilft, ist nicht mehr realistisch", sagte Wenning. Der Konzernchef betonte, Bayer befinde sich bereits "in sehr guten und sehr konstruktiven Gesprächen". Einen kompletten Verkauf der Pharmasparte schloss er aber aus.

Dabei ist der Umfang des Lipobay-Desasters für Bayer noch immer nicht voll absehbar. Bis Ende vergangener Woche gingen beim Leverkusener Konzern rund 5.700 Klagen angeblicher Lipobay-Opfer an. "Ihre Zahl dürfte noch steigen", sagte Wenning. Etwa 190 dieser Klagen seien bereits ohne Anerkennung einer Rechtspflicht durch Vergleich beigelegt worden. Obwohl der Konzern der Auffassung ist, gute Gründe zu seiner Verteidigung zu haben, musste Wenning einräumen: "Der Ausgang und die finanziellen Auswirkungen eines Rechtstreits lassen sich unmöglich mit Sicherheit voraussagen; das gilt ganz besonders für die USA."

Umso mehr bemüht sich der Chemieriese ums Sparen. Durch Kostensenkungsprojekte sollen bis 2005 insgesamt Einsparungen in Höhe von 2,2 Mrd. Euro realisiert werden. Auch hier besonders betroffen: die Pharmasparte, wo die Forschungsausgaben dem geringeren Umsatzvolumen angepasst werden sollen. Außerdem will der Konzern in diesem und dem nächsten Jahr seine Investitionen deutlich senken.

Probleme gab es in den ersten neun Monaten aber auch in anderen Sparten. Die Pflanzenschutztochter Bayer CropScience geriet durch Abschreibungen und Einmalkosten nach der Aventis CropScience-Übernahme in die roten Zahlen. Und auch in den Bereichen Kunststoffe und Chemie lagen die Ergebnisbeiträge nach drei Quartalen deutlich unter den Vorjahreswerten. Doch zeigte hier die Gewinnentwicklung zuletzt steil aufwärts. 2002 sei für Bayer ein "Jahr des Übergangs", sagte Wenning.

Nach Aussagen des Konzernchefs ist Bayer in der Sparte Chemie bereit, in einzelnen Bereichen die Mehrheit abzugeben. Dies gelte für Bereiche, die nicht als Kerngeschäft betrachtet würden, so Wenning. Für Teilbereiche in der Chemie gebe es auch konkrete Gespräche. "Wir verfolgen derzeit nicht eine globale Partnerschaft für unser gesamtes Portfolio", betonte Wenning. In der Vergangenheit habe es dazu allerdings konkrete Projekte gegeben. Zur Zeit werde die Sparte analysiert. "Wir sind offen für Kooperationen, wo sie strategisch sinnvoll sind. Und hierbei sind wir unter Umständen auch bereit, in einzelnen Bereichen, die wir nicht als Kerngeschäft betrachten, die Mehrheit abzugeben", sagte Wenning.

Die Österreich-Tochter Bayer Austria hat in den ersten neun Monaten 2002 mit 119 Mill. Euro im Vorjahresvergleich um fast ein Drittel weniger Umsatz ausgewiesen. Die geringeren Erlöse begründete Bayer Austria-Chef Martin Hagenlocher mit der Umsatzauslagerung von wesentlichen Teilen des Polymergeschäftes, die heuer vom Stammhaus in Leverkusen ausgewiesen würden. Beim operativen Ergebnis zeichne sich für das Gesamtjahr eine Entwicklung etwa in Vorjahreshöhe ab.

Die Gesamtentwicklung der Teilkonzerne in Österreich sei angesichts der konjunkturellen Lage "gerade noch zufrieden stellend". Die im Frühjahr 2002 erwartete Belebung der Konjunktur sei noch nicht eingetreten. Trotz einer rückläufigen Preisentwicklung habe sich Bayer im österreichischen Chemiegeschäft gut behauptet und weiterentwickelt. Vor diesem Hintergrund zeigte sich Hagenlocher mit der Geschäftsentwicklung "noch zufrieden".

Seine Potenzpille "Levitra" will Bayer im ersten Halbjahr 2003 in Europa und im zweiten Halbjahr in den Vereinigten Staaten einführen. Vorstandschef Wenning sagte, das Mittel habe ein Umsatzpotenzial von einer Milliarde Euro. Zwei Drittel davon sollen auf die USA entfallen. Ursprünglich wollte der Leverkusener Konzern mit dem Mittel bereits in diesem Jahr in den USA starten.

Zur Klage des Viagra-Produzenten Pfizer in den USA wegen angeblicher Patentverletzung sagte Wenning: "Wir gehen davon aus, dass das Patent von Pfizer in diesem Umfang nicht rechtsgültig bleibt und werden uns massiv dagegen zur Wehr setzen." Der Produzent des Konkurrenz-Produkts hatte Ende Oktober in den USA Bayer und weitere Unternehmen der Branche verklagt.

12.11.2002 16:14