Montag, 11. November 2002

Ulrike Meinhofs Gehirn wird nach 26 Jahren begraben

  • Magdeburger Universität entspricht dem Wunsch ihrer Töchter
  • Untersuchungsergebnisse werden nicht veröffentlicht

Die Odyssee des Gehirns der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof findet 26 Jahre nach ihrem Tod ein Ende. Die Universität Magdeburg teilte am Donnerstag mit, das Organ so schnell wie möglich im Berliner Grab der Meinhof beerdigen zu lassen. Die Untersuchungen seien abgeschlossen, alle diesbezüglichen Kenntnisse würden "weder mündlich noch schriftlich oder in einer anderen Form veröffentlicht werden".

Mit einem entsprechenden Beschluss der Ethik-Kommission der Medizinischen Fakultät werde den Töchtern Meinhofs entsprochen, die am Vortag eine Beisetzung des Organs gefordert und eine ausdrückliche Verweigerung neuer Untersuchungen mitgeteilt hatten.

Meinhof hatte sich 1976 im Gefängnis erhängt, ihr Gehirn wurde damals im Auftrag der Staatsanwaltschaft Stuttgart von dem inzwischen emeritierten Tübinger Professor Jürgen Pfeiffer gerichtsmedizinisch untersucht. 1997 hatte Pfeiffer den Magdeburger Psychiatrieprofessor Bernhard Bogerts zu weiteren Untersuchungen veranlasst.

Bogerts habe überzeugend darstellen können, "dass er anhand von mündlichen und schriftlichen Erklärungen der Töchter der Verstorbenen davon ausgehen konnte, entsprechende Untersuchungen im August 2002 beginnen zu dürfen", teilte Professor Dieter Krause, Vorsitzender der Ethik-Kommission mit.

Die Töchter, die Hamburger Journalistin Bettina Röhl und ihre Schwester, die Berliner Ärztin Regine Röhl, hatten am Vortag geschrieben, es sei unerträglich, nach 26 Jahren aus dem Nichts heraus zu erfahren, dass das Gehirn der beerdigt geglaubten Mutter herumgereicht werde.

Bogerts, Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, hatte zu Wochenbeginn erklärt, Meinhof sei zuletzt "erheblich durch krankhafte Hirnveränderungen" beeinflusst gewesen. Ihre Töchter hätten "Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit" zwecks "Aufklärung und Erklärbarkeit der Handlungen ihrer Mutter in deren letzten Jahren", und Regine Röhl habe Interesse an einer gemeinsamen Fachpublikation signalisiert.

Dem widersprachen die Schwestern. Bettina Röhl warf Bogerts vor, seine Mitwirkung an einer Veröffentlichung im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" zum gegenwärtigen Zeitpunkt sei "in gewissem Sinne unwissenschaftlich" gewesen. Bogerts sei nach eigenen Angaben "weder mit der Hirnforschung wissenschaftlich am Ende seiner geplanten Untersuchung angelangt", noch habe er bei der Anamnese, der Erhebung der Krankengeschichte, "auch nur annähernd das wissenschaftlich notwendige Wissen akkumuliert".

11.11.2002 15:18