Freitag, 8. November 2002

Quantenphysiker arbeitet an neuer Computergeneration

  • US-Verteidigungsministerium will Forschungs-Projekt fördern
  • Leistung von Quantencomputer überflügelt heutige Kapazitäten

Computer für die Zukunft: Der Innsbrucker Quantenphysiker Rainer Blatt arbeitet an der Entwicklung einer neuen Computer- Generation, deren Leistung jene von aktuellen Supercomputern bei weitem in den Schatten stellen soll. Das US-Verteidiguns- ministerium will jetzt dieses Projekt fördern.

Noch herrscht gespannte Ruhe im Labor: In den frühen Morgenstunden haben Forscher der Universität Innsbruck an diesem Montag mit den Vorbereitungen für ihr Experiment begonnen. Eine Laserkanone, stark genug, um in Sekundenbruchteilen Haut zu verbrennen, ist warmgelaufen. Nebenan wartet das Kernstück des Versuchs auf seine Inbetriebnahme: Auf einem luftgefederten Labortisch, groß wie eine Tischtennisplatte, haben die Wissenschaftler eine Maschine aufgebaut, die aussieht wie der Albtraum jedes Elektroinstallateurs: Unzählige Kabel hängen von der Decke herab, armdicke, teils mit Lappen umwickelte Stahlrohre verlaufen kreuz und quer über den Tisch, auf dem auch zahlreiche Laserlinsen und Spiegel angebracht sind. Irgendwo im Innersten des Chaos befindet sich eine fingerhutgroße Kammer, in der es fast minus 273 Grad Celsius kalt ist. Darin wollen die Forscher Kalziumatome festhalten, beobachten und manipulieren.

Investieren in Quanten
Dies klingt einigermaßen verschroben, von der Fachwelt werden die Experimente jedoch mitgroßer Neugier beobachtet. “Wir arbeiten hier“, erklärt der Experimentalphysiker Rainer Blatt, „an den Grundbausteinen für einen Quantencomputer.“ Jener völlig neuartigen Rechnergeneration, von der sich Informatiker, Computerhersteller, aber auch Banken und Geheimdienste große Dinge erwarten. Indem sie sich die bizarren Gesetze der Quantenphysik in einer völlig neuen Weise zunutze machen, sollen diese Rechner dereinst Leistungen erbringen, die selbst die schnellsten herkömmlichen Computer im Vergleich dazu alt aussehen lassen. Allein in den USA werden dreißig Millionen Dollar pro Jahr in diese Forschungen investiert. Selbst das US-Verteidigungsministerium finanziert einschlägige Projekte. So versuchten sich Forscher in Los Alamos an einer Maschine, die nach denselben Prinzipien funktionieren sollte wie die von Rainer Blatt.

Auftrag vom Pentagon
Doch offenbar waren die Auftraggeber von den Resultaten nicht ausreichend beeindruckt, die Finanzierung der Experimente wurde eingestellt. “Statt dessen haben sie jetzt angeboten, unsere Forschungen zu unterstützen“, so Blatt. Die einzige Bedingung, die sich der Forscher für die ungewöhnliche Zusammenarbeit ausbedungen hat: „Wir werden sämtliche Resultate veröffentlichen. Sonst heißt es noch, der Blatt wird ein geheimer Codeknacker für die USA. „Noch stecke die Entwicklung der neuen Technologie freilich in den Kinderschuhen, so Blatt. Doch selbst wenn es noch Jahrzehnte dauern sollte, bis der erste anwendbare Quantencomputergebaut werden kann, so ist schon die Entwicklungsarbeit für die Wissenschaftler lohnend: „Wir lernen jeden Tag dazu“, so Blatt, „und immer wieder stoßen wir auf unglaubliche Überraschungen.“

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8.11.2002 12:37