Psychologen: Internet-Suizidforen nicht dämonisieren
- Psychologen gegen Verbot trotz realer Gefahren
- Stärker auf Vorbeugung setzen
Trotz der realen Gefahren sollten Suizidforen im Internet nach Ansicht von Psychologen nicht dämonisiert werden. "Vermutlich geht es für viele Teilnehmer dieser Foren letztlich nicht um den Tod, sondern um das Überleben mit der Suizidalität", betont Georg Fiedler vom Therapiezentrum für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Er verwies auf die große Aufregung, den der ARD-"Tatort" vom 3. November ausgelöst hatte. Der Krimi "1000 Tode" handelte von Foren im Internet, in denen sich Menschen zum gemeinsamen Selbstmord verabreden können.
Psychologische Begleitung aller Foren und Chats?
Schon seit längerem fordern Mediziner und Psychologen eine professionelle Begleitung aller Foren und Chats, die sich an Menschen in Problemsituationen wenden. Schätzungen zufolge gibt es weltweit bis zu 1.000 so genannte Suizidforen, darunter rund 30 aus Deutschland.
Sie werden nach Angaben des Kompetenznetzes Depression vor allem von Jugendlichen in pubertären Krisen, psychisch Kranken und Menschen aus pseudoreligiösen Zirkeln besucht. Für Aufsehen hatte vor zwei Jahren der Fall eines jungen Österreichers und einer Norwegerin gesorgt, die sich über das Internet zum Selbstmord verabredet hatten.
Zuspitzung einer seelischen Krise
Die Todessehnsucht sei meist die Zuspitzung einer seelischen Krise, in der die Menschen hoffnungslos und verzweifelt seien, sagt Fiedler. Oft könnten sie sich nicht mit ihren Suizidgedanken an andere Menschen wenden, weil sie sich als gescheitert, schwach und wertlos erlebten. "Die Scham ist die individuelle Seite des Suizidtabus in unserer Gesellschaft", erklärt der Psychologe. Die Haltung sei häufig ambivalent: Es gehe nicht unbedingt darum zu sterben, sondern darum, nicht mehr wie bisher weiter leben zu können. Hilfe werde oft gleichzeitig gesucht und vermieden.
In diesem inneren Dilemma biete sich das Internet als ein zunächst ungefährliches Medium an, um Informationen einzuholen oder mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, sagt Fiedler: "Man kann anonym bleiben, muss sich nicht auf irgendetwas festlegen, kann nicht in eine Anstalt eingewiesen werden, kann in Ruhe die Reaktion abwarten und sich entscheiden, den Kontakt fortzusetzen oder abzubrechen."
Lebenserhaltende Suiziddiskussionen
Und Diskussionen über Wege, aus dem Leben zu scheiden, können nach den Worten Fiedlers sogar lebenserhaltend sein: Die Gewissheit, jederzeit dem Leben ein Ende setzen zu können, sei auch eine tröstliche Fantasie, die helfe, aktuelle Krisen zu überstehen.
Doch auch Fiedler warnt vor den großen Gefahren dieser Foren: So stabilisierend sie für einige Teilnehmer auch seien, könnten sie bei anderen Menschen zu einem psychischen Zusammenbruch führen. Die Selbsttötung eines Forenteilnehmers könne die Krise der anderen verschärfen. Zwar sei eine Suizidserie in einem Internetforum bisher nicht bekannt geworden, aber es gebe Hinweise, dass Verabredungen zum Selbstmord weitere Aufforderungen nach sich zögen, sagt Fiedler. Die Anonymität der Foren berge zudem die Gefahr des Missbrauchs - wie etwa Versuche, Suizidmittel zu verkaufen.
Diskussionen als Grundlage für Prävention
Verbote, Kriminalisierung und Dämonisierung können aber nach Überzeugung des Psychologen die Problematik der Suizidforen nicht lösen. Vielmehr sollten solche Interneträume ein Anlass sein, über den Umgang mit diesem Tabuthema nachzudenken, mehr für die Suizidprävention zu tun und zu überlegen, wie gefährdete Menschen auch außerhalb des Internets "die Möglichkeit erhalten können, über ihre dramatische Befindlichkeit zu sprechen".
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