Montag, 28. Oktober 2002

Erlösung: Geiseln dürfen endlich wieder nach Hause

  • Unterschiedliche Ansichten über Gaseinsatz

Im Trubel um die Entlassung genesener Geiseln steht die Moskauerin Valentina etwas abseits am Tor des Krankenhauses Nummer 13. Im Gegensatz zu anderen Wartenden hält die etwa 45 Jahre alte Frau keine Blumen in der Hand. "Ich warte auf die Nichte einer Freundin", erzählt Valentina mit leiser Stimme. Die Erleichterung der Umstehenden über das Überleben der Geiseln verspürt die Frau nicht: "Meine Freundin ist bei der Geiselnahme ums Leben gekommen".

Valentinas Freundin und deren Nichte saßen am vergangenen Mittwochabend gemeinsam im Musical "Nord-Ost", als über 50 tschetschenische Terroristen die Konzerthalle in ihre Gewalt brachten. Drei lange Nächte bangte auch Valentina um das Schicksal ihrer Freunde. Dann stürmte die Polizei mit Hilfe von "Spezialmitteln" das Gebäude. Das bis heute streng geheim gehaltene Betäubungsgas setzte nicht nur die Verbrecher außer Gefecht, es tötete auch weit mehr als 100 Geiseln.

Viele Überlebende der Geiselnahme urteilen in den Tagen nach der Erstürmung, die Polizei habe alles richtig gemacht. "Hätten sie das Gebäude nicht unter Gas gesetzt, wären wir alle mit den Bomben der Terroristen getötet worden", sagt ein junger Mann nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus. Die Angehörigen der an den Folgen des Gases gestorbenen Geiseln fragen sich dagegen, ob man nicht alle Leben durch weitere Verhandlungen hätte retten können.

Valentina, die durch den Einsatz des Betäubungsgases einen lieben Menschen verloren und einen anderen wiedergewonnen hat, wehrt sich gegen alle Spekulationen. "Es war wohl richtig, das Gas anzuwenden", sagte die Moskauerin nach einigem Zögern. "So wurden immerhin Hunderte von Menschen gerettet.

Mit einem Strauß prächtiger gelber Rosen steht die Familie Samoilow vor dem Krankenhaustor. Vater, Mutter, Schwester und eine Freundin warten auf Jewgenija. "Wir haben Glück gehabt", erzählt der Vater, der seiner Tochter gleich nach dem Wiedersehen eine weiße Jacke umlegen will. Jewgenijas Mantel hängt noch immer in der Garderobe des Musicaltheaters.

Im Gegensatz zu Dutzenden anderen Verwandten erfuhren die Samoilows bereits wenige Stunden nach der Erstürmung der Konzerthalle vom Zustand ihrer Tochter. Über die Tage zuvor in Angst und Verzweiflung mag die Mutter nicht mehr reden. "Haben Sie selbst Kinder?", fragt die Mutter der befreiten Geisel eine neugierige Journalistin. "Ich wünsche Ihnen, dass Sie so etwas niemals erleben werden." Dann endlich tritt Jewgenija durch das Tor auf die Straße. Stumm legt der Vater den weißen Mantel um ihre Schultern und umarmt seine Tochter.

Die innigen Szenen des Wiedersehens am Krankenhaustor betrachtet eine ältere, untersetze Frau mit trauriger Miene. "Hat jemand Galina Kutusowa gesehen", ruft die Frau mit dunklem Kopftuch vergeblich einigen entlassenen Geiseln zu, die mit ihren Verwandten schnell das Weite suchen. Galina, ihre Tochter, liegt mit schweren Verletzungen, ausgelöst durch das Betäubungsgas, im Krankenhaus. Mehr weiß die Mutter nicht. Sie darf auch am dritten Tag nach dem Ende der Geiselnahme nicht zu ihrer Tochter. Das Schweigen der Ärzte lässt die Mutter nichts Gutes ahnen.

28.10.2002 17:04