Mittwoch, 23. Oktober 2002

Der Heurige ist nicht von gestern

Wien ist weltweit die einzige Großstadt, in der Wein gekeltert wird; neben dem süffigen "Heurigen" handelt es sich dabei immer öfter um absolute Spitzentropfen.

Dass Wien nur durch eine Buchstabenverschiebung vom Wein getrennt ist, kann eigentlich kein Zufall sein. Zwar ist es ein weiter Weg vom legendären Kaiser Probus, der seinen Legionären den Anbau von Weinreben nördlich der Alpen erlaubte, über die Josefinische Zirkularverordnung des Jahres 1784, die den Kern des heutigen Buschenschankgesetzes bildet, bis hin zu den feinen Bouteillenweinen unserer Zeit. Doch muss man rückblickend feststellen: Er hat sich gelohnt.

Echtheit garantiert
Denn es ist längst nicht mehr nur der resche und süffige „Heurige“, meist ein sogenannter „Gemischter Satz“ aus Grünem Veltliner und anderen Rebsorten, der Gäste aller Altersgruppen und Gesellschaftsschichten zu den Buschenschanken am Rande der Stadt zieht. Immer öfter stehen auf den schlichten Holztischen unter den lauschigen Weinlauben feine Stilgläser und gediegen ausgestattete Weinflaschen – korrekt im Weinkühler serviert. Es kommt also nicht von ungefähr, wenn inzwischen gerne der Begriff „Qualitätsheuriger“ verwendet wird. Aber Vorsicht: Nur der Föhrenbuschen und die „Ausg’steckt“-Tafel garantieren, dass es sich um einen echten Heurigen handelt, in dem ausschließlich Wein aus Wien ausgeschenkt wird.

Revolution aus Stammersdorf
Immer mehr emanzipiert sich jedoch inzwischen der Wiener Weinbau vom Image des reinen Heurigenproduzenten. Fritz Wieninger aus Stammersdorf, inzwischen seit Jahren unter den Spitzenwinzern des Landes etabliert, machte den Anfang. Ihm genügte es nicht mehr, Wein zu keltern, der großteils offen im Heurigen ausgeschenkt wird und er schaffte es, innerhalb weniger Jahre ein breites Sortiment von Top-Weinen bis hin zu Chardonnay, Pinot noir und Cabernet Sauvignon im internationalen Stil aufzubauen.

Aufbruchsstimmung im Süden
Inzwischen profiliert sich bereits eine Garde noch jüngerer Winzer, die es – nicht zuletzt durch Wieningers Vorbild motiviert – ganz einfach wissen wollen. Rainer Christ aus Strebersdorf, Rotweinspezialist Hans-Peter Göbel, die engagierte Alleskönnerin Irene Langes, die Brüder Zahel, Michael Edlmoser und etliche andere im Süden von Wien zählen zu diesen „Jungen Wilden“. Sie beherrschen derzeit das Geschehen bei den meisten Verkostungen, wobei es interessant ist, dass in den klassischen Wiener Weinbauzentren wie Grinzing oder Neustift am Walde eher noch Stagnation herrscht. Hier dominiert noch weitestgehend das Heurigengeschäft, während die jungen Winzer in anderen Regionen bereits damit begonnen haben, sich neue Vertriebsschienen in der Gastronomie und im Handel aufzubauen.

Neue Initiativen
Insgesamt verlässt man sich in Wien aber nicht mehr darauf, die 700 Hektar Weingärten und den damit verbundenen Weinbau durch die Heurigen zu erhalten. Große Investitionen in die Kellertechnik bringen bereits jetzt einen spürbaren Qualitätsanstieg auf breiter Front. Und Initiativen wie die "Vienna Classic Weingüter" oder der "Junge Wiener", der am 29. Oktober erstmals präsentiert wurde, sorgen dafür, dass in Wien der Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne möglich wird.

23.10.2002 14:46
GUSTO-Rezeptsammlung