Sonntag, 27. Oktober 2002

Fast alle getöteten Moskauer Geiseln an Gas gestorben

  • Rätselraten über bei Erstürmung von Theater

Bei der gewaltsamen Beendigung des Moskauer Geiseldramas sind mindestens 115 Geiseln an dem von russischen Spezialeinheiten eingesetzten Gas gestorben. Lediglich zwei der insgesamt mindestens 117 bei der Erstürmung des von tschetschenischen Rebellen besetzten Theaters seien bei der Befreiungsaktion am Samstag durch Schüsse getötet worden, sagte der Moskauer Chef-Amtsarzt Andrej Selzowski am Sonntag.

Zu den Opfern zählt auch die 43-jährige Österreicherin Emilia Predova-Uzunov. Sie wurde nach Angaben der österreichischen Botschaft in Moskau am Sonntag in einer Leichenhalle identifiziert.

Russen: "Kein Sarin"
Russland hat bestritten, dass bei der Befreiung der Geiseln aus dem Moskauer Musicaltheater das Kampfgas Sarin oder andere Giftgase eingesetzt worden seien. Gerade das hat aber ohnehin niemand angenommen. Sarin war das wichtigste Kampfgas im Ersten Weltkrieg.

Tödliche "Befreiung"
Eine Spezialeinheit hatte am Samstag das von tschetschenischen Rebellen besetzte Musical-Theater "Nord-Ost" gestürmt. Zuvor war offenkundig ein Betäubungsgas in das Gebäude geleitet worden. Die Behörden verweigerten zunächst die Auskunft über das eingesetzte Gas. Bei der Befreiungsaktion wurden rund 50 Rebellen getötet. Die 115 ehemaligen Geiseln seien durch eine Narkose-Substanz vergiftet worden, sagte Selzowski. Unter normalen Umständen sei das Gas jedoch nicht tödlich.

Der Moskauer Chef-Anästhesist Jewgeni Jewdokimow betonte, das verwendete Gas werde in der Anästhesie benutzt. Es handele sich um eine bewusstseins-verändernde Substanz, die bei hoher Dosierung zu Bewusstlosigkeit führe und Atemfunktionen sowie die Blutzirkulation behindere. Unter den Toten seien 63 Männer und 54 Frauen. Von den 646 befreiten und in Krankenhäuser eingelieferten Geiseln befänden sich 150 auf der Intensivstation, sagte Selzowski. 45 von ihnen seien in einem kritischen Zustand.

Die USA verlangten von Moskau Aufklärung über das Gas. Für die Behandlung einer verletzten US-Geisel sei es wichtig, die von ihr eingeatmete Substanz zu kennen, sagte ein US-Botschaftssprecher in Moskau. Die Behörden verweigerten zunächst jede Information dazu, welche Substanz in das Theater geleitet wurde. Nach Ansicht des französischen Waffenexperten Olivier Lepick wurde das Geiseldrama mit dem kampfunfähig machenden Benzilat-Gas BZ beendet. Da BZ auf der Liste der verbotenen chemischen Waffen stehe, könnte dies eine Erklärung dafür sein, dass die russischen Behörden bislang nicht offenlegen wollten, welches Gas sie einsetzten, sagte Lepick der Nachrichtenagentur AFP.

Russlands Präsident Wladimir Putin entschuldigte sich für die Opfer unter den Geiseln und verteidigte zugleich die Aktion: Russland lasse sich von Terroristen "nicht in die Knie zwingen". "Wir waren nicht im Stande, jeden zu retten. Vergeben Sie uns", sagte er am Samstagabend in einer Fernsehansprache. "Wir haben das fast Unmögliche geschafft: Hunderte von Menschen zu retten." Der Kreml hatte in den Vortagen Zugeständnisse an die Geiselnehmer abgelehnt. Die Rebellen wollten mit der Geiselnahme den Rückzug der russischen Armee aus Tschetschenien erzwingen. Für Montag wurde in ganz Russland ein nationaler Trauertag ausgerufen.

Die Behörden hatten sich nach eigenen Angaben am frühen Samstagmorgen laut Krisenstab zum Sturm auf das Gebäude entschlossen, nachdem die Rebellen nach Ablauf des dreitägigen Ultimatums mit der Hinrichtung der seit Mittwochabend festgehaltenen Geiseln begonnen hatten. In einem etwa eine Viertelstunde andauernden Feuergefecht wurden die meisten Geiselnehmer erschossen, unter ihnen ihr Anführer Mowsar Barajew.

Mindestens vier der 75 ausländischen Geiseln kamen in Folge der Befreiungsaktion ums Leben. Nach Angaben eines Journalisten kam eine Österreicherin ums Leben. Eine 38-jährige Niederländerin starb ebenfalls in der Klinik, wie die niederländische Botschaft bestätigte. Laut der Online-Zeitung "Gazeta.ru" starb zudem ein 13 Jahre altes Mädchen aus Kasachstan. Auch ein Weißrusse soll ums Leben gekommen sein.

27.10.2002 23:05