Zweifel am Einsatz "wie aus dem Handbuch"
- Kritik an Informationspolitik zu Gaseinsatz - tödliches Kalkül?
- Behörden lassen Familien im Unklaren über Geisel-Schicksal
Als alles vorbei ist, sind zunächst alle erleichert: Nur etwa 30 der rund 800 Geiseln im Moskauer Theater seien bei der gewaltsamen Beendigung ums Leben gekommen, heißt es zuerst. Eine erfolgreiche Aktion der russischen Sicherheitskräfte, die durch den raffinierten Einsatz eines betäubenden Gases Schlimmeres verhindert hätten, ist die einhellige Meinung. Doch dann steigt die Zahl der Opfer - erst auf 67, dann auf 90, bis Sonntag Mittag zählten die Krankenhäuser bereits 118 Tote unter den Ex-Geiseln.
Von den fast 550 Verletzten, die mit teils schwersten Gasvergiftungen in die Kliniken der Stadt eingewiesen wurden, ringen viele noch immer um ihr Leben. Die Angehörigen leben in heller Angst: Nur wenige werden an die Krankenbetten gelassen.
Regierung und Behörden halten sich mit Informationen massiv zurück. Bis Sonntag Nachmittag ist nicht bekannt, welches Gas in das Theater gepumpt wurde. Entsprechend schwierig ist es für die Ärzte, die Opfer fachgerecht zu behandeln. Die Behörden sagen den Eltern, Ehepartnern oder Kindern oft nicht einmal, wo sie ihre Lieben finden können. An den Krankenhauspforten hängen lange Listen mit Verletzten. Wer seine Verwandten auf der einen Liste nicht entdeckt, hetzt in Panik zur nächsten Klinik, um die Seinen hoffentlich dort unter den Überlebenden zu finden. Im Fernsehen halten verzweifelte Angehörige Fotos der Ex-Geiseln in die Kameras, um wenigstens deren Aufenthaltsort herauszufinden.
Geiseln unter Verschluss
Zu den Verletzten werden zunächst nur wenige Angehörige vorgelassen. Im eiskalten Nieselregen harren Freunde und Familien vor dem städtischen Krankenhaus Nummer 13 aus, in dem hunderte Ex-Geiseln liegen. Alle haben sie jemanden in dieser Klinik, doch wie es um ihre Lieben bestellt ist, wissen sie nicht. Hin und wieder wird ein Name aufgerufen, dann verschwinden die Angehörigen mit schon rotgeweinten Augen im Gebäude. Nach vier Stunden kommt etwa ein Dutzend von ihnen mit kreidebleichen Gesichtern und unsicheren Schrittes wieder heraus. Einen Kommentar geben sie nicht ab.
Mittlerweile erhebt sich massive Kritik an der spärlichen Informationspolitik von Regierung und Behörden. Der Chefredakteur des Radios "Moskauer Echo", Alexej Wenediktow, merkt in einem Kommentar an, erst habe die Polizei das schwer bewaffnete Tschetschenen-Kommando durch Nachlässigkeit in das Musical-Theater eindringen lassen, und nun lege dieselbe Polizei einen "brutalen Eifer" an den Tag, wenn es darum gehe, sich die Familien der Opfer vom Leib zu halten. Warum, fragt Wenediktow, rückten die Behörden erst nach 17 Stunden offiziell damit heraus, dass bei der Befreiungsaktion tatsächlich Gas eingesetzt wurde? Warum gibt es keine Informationen über Art und Menge der verwendeten Substanz?
Tödlicher Cocktail
Die Tageszeitung "Moskowski Komsomolez" berichtet unter Berufung auf Geheimdienst-Mitarbeiter, in das Theater sei ein Chemie-Cocktail eingeleitet worden, der höher dosiert gewesen sei als beabsichtigt. Niemand habe mit einer solch heftigen Wirkung gerechnet, heißt es. Nach Angaben von Ärzten starben die meisten Opfer an Herz-Kreislauf-Versagen. Ein russischer Forscher sagte der Nachrichtenagentur AFP anonym, vermutlich sei ein Stoff eingesetzt worden, der unter normalen Umständen nicht sonderlich gefährlich sei, jedoch in einem schlecht gelüfteten Theatersaal und bei derart geschwächten Menschen wie den Geiseln, die zweieinhalb Tage fast ohne Nahrung und Wasser auskommen mussten, tödliche Wirkung entfaltete. Gerüchte über Nerven- oder Schlafgas kursieren.
Tödliches Kalkül?
Doch vielleicht haben die Sicherheitsbehörden gar keinen Fehler gemacht, sondern bewusst den Tod vieler Geiseln in Kauf genommen. Alles sei ganz nach Plan abgelaufen, "wie aus dem Handbuch", berichtet ein Mitglied des Alfa-Elitekommandos in der "Moskowski Komsomolez". "Allerdings haben wir die Dosis etwas erhöht, um ganz sicher zu gehen." Die Frauen in dem Rebellenkommando sollten auf keinen Fall ihre Sprengstoffgürtel zünden können. Die Einsatzkräfte hätten ohnehin mit dem Tod von etwa 200 Menschen gerechnet.
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