Sonntag, 27. Oktober 2002

Nahost: Bombenanschlag auf jüdische Siedlung

  • Mindestens 4 Tote und 30 Verletzte bei Explosion
  • Israel tötet in besetzten Gebieten weiter, Plus: Koalitionskrach

Bei einem Selbstmordanschlag auf eine jüdische Siedlung im Westjordanland sind drei Menschen getötet und etwa 30 weitere verletzt worden. Nach Polizeiangaben sprengte sich ein Palästinenser am Sonntag an einer Tankstelle am Rande der Siedlung Ariel zwischen Nablus und Ramallah in die Luft und riss drei Menschen mit in den Tod.

Israel machte die Autonomiebehörde für das Attentat verantwortlich, zu dem sich der bewaffnete Arm der Fatah-Organisation von PLO-Chef Yasser Arafat bekannte. Kurze Zeit später wurden bei einem Armee-Angriff in Nablus mindestens zwei bewaffnete Palästinenser getötet. Im Streit um das Sparbudget drohte Israels Arbeiterpartei unterdessen mit dem Ende der Koalition.

Der palästinensische Attentäter sprengte sich nach Angaben von Augenzeugen neben einem Autobus in die Luft, in dem sich zahlreiche Soldaten befanden. Wie Bürgermeister Ron Nahman im Rundfunk sagte, schoss ein Soldat auf den Mann, der ihm verdächtig schien. Der Palästinenser wurde zwar verletzt, konnte aber seinen Sprengstoffgürtel zünden. Dabei kamen er selbst sowie drei Israelis ums Leben. Die meisten der rund 30 Verletzten seien Soldaten. In der Nähe der Tankstelle befinden sich ein Restaurant und ein Einkaufszentrum. Ein anonymer Anrufer bei der Nachrichtenagentur AFP übernahm im Namen der El-Aksa-Brigaden, dem bewaffneten Arm der Fatah, die Verantwortung für das Attentat.

Israel marschiert weiter
Kurze Zeit nach dem Anschlag griff die Armee die autonome Stadt Nablus an. Wie palästinensische Sicherheitskräfte mitteilten, drangen Spezialeinheiten in das Viertel Ras El Ajin ein. Bei einer Schießerei mit bewaffneten Palästinensern wurden mindestens zwei Männer getötet. Zudem griffen jüdische Siedler Palästinenser und israelische Friedensaktivisten an, die nahe der Ortschaft Akrabeh im Norden des Westjordanlandes Oliven ernteten. Wie der israelische Rundfunk berichtete, schlugen rund ein Dutzend junger Siedler mit Gewehrkolben auf die Erntehelfer ein und bewarfen sie mit Steinen. Mehrere von ihnen seien ins Krankenhaus gebracht worden.

Zugleich setzte die israelische Armee ihre Aktion in der autonomen Stadt Jenin den dritten Tag in Folge fort. Nach Militärangaben wurden seit Beginn der Operation am Freitag rund 30 Palästinenser festgenommen. Darunter sei ein Aktivist der radikal-islamischer Aktivist, der einen Selbstmordanschlag geplant habe. Am sonntag wurden nach Armee drei militante Palästinenser nach einem Feuerwechsel erschossen.

Der israelische Regierungssprecher Avi Pazner sagte, die Autonomiebehörde trage eine "schwere Verantwortung" für den jüngsten Anschlag, da sie nichts gegen den "Terrorismus" unternehme. Am Samstag hatte der US-Sondergesandte William Burns seine dreitägige Mission in Israel und den Palästinenser-Gebieten beendet, bei der er für den Drei-Stufen-Plan Washingtons geworben hatte. Dieser sieht unter anderem die Gründung eines unabhängigen palästinensischen Staates bis 2005 vor. Bei seinen Gesprächen mit Vertretern Israels und der Palästinenser war Burns jedoch kein Durchbruch gelungen.

US-Verhandler gescheitert
Im Mittelpunkt der Nahost-Gespräche des US-Vize-Außenministers Burns der Friedensplan der USA, der auch von der EU, Russland und den Vereinten Nationen unterstützt wird. Beide Konfliktparteien haben Vorbehalte gegen den Plan angemeldet, der bis Ende 2003 einen provisorischen palästinensischen Staat vorsieht. Burns verzichtete auf ein Treffen mit dem palästinensischen Präsidenten Arafat, der von den USA ebenso wie von Israel nicht mehr als Verhandlungspartner akzeptiert wird. Mit Blick auf die Mission des US-Gesandten verzichtete Israel zunächst auf Vergeltung für einen Selbstmordanschlag in der nordisraelischen Küstenstadt Hadera, bei dem am Montag 14 Menschen getötet wurden. Am Freitag besetzten israelische Truppen dann aber Jenin, wo die beiden Täter gelebt haben sollen.

Koalitionskrise
Der Streit um den Haushaltsentwurf der israelischen Regierung weitete sich laut Beobachtern zur bisher größten Regierungskrise in Israel aus. Der zur Arbeiterpartei gehörende Verkehrsminister Ephraim Sneh kritisierte im Militärrundfunk, der Entwurf "privilegiere" die jüdischen Siedler. Ministerpräsident Ariel Sharon drohte, er werde alle Kabinettsmitglieder entlassen, die bei der für Mittwoch geplanten Abstimmung im Parlament gegen den Plan votieren würden. Am Sonntag wollte der Vorsitzende der Arbeiterpartei und Verteidigungsminister, Benjamin Ben Eliezer, Sharon und Finanzminister Silvan Shalom treffen. Beim Scheitern der Gespräche könnte die Arbeiterpartei die Koalition der Nationalen Einheit verlassen und vorgezogene Neuwahlen erzwingen.

27.10.2002 11:00