Samstag, 26. Oktober 2002

Brasilien: "Lula" gewinnt überlegen Präsidentenwahl

  • 61 Prozent für Ex-Gewerkschaftsführer

Der Linkskandidat Luiz Inacio Lula da Silva hat nach ersten amtlichen Ergebnissen am Sonntag die Präsidentenwahl in Brasilien eindeutig für sich entschieden. Nach Auszählung von knapp 90 Prozent der Stimmen entfielen nach Angaben der Wahlkommission auf den früheren Gewerkschaftsführer Lula 61 Prozent der Stimmen. Sein Konkurrent in der Stichwahl, Jose Serra, erhielt demnach 39 Prozent der Stimmen.

Lula, der am Sonntag seinen 57. Geburtstag feierte, sagte im Beisein seiner Frau Marisa: "Dies ist der glücklichste Augenblick in meinem Leben." Mit dem endgültigen Wahlergebnis wurde nicht vor Montagabend gerechnet.

In einer landesweit vom Fernsehen übertragenen Ansprache erklärte Lula, Brasilien könne eine besondere Rolle auf dem amerikanischen Kontinent spielen, "so dass wir nachhaltigen Frieden in der Welt aufbauen und Länder wirtschaftlich und sozial wachsen können zum Wohle ihres Volkes". In der nüchternen und versöhnlichen Rede versicherte Lula, er werde ab Jänner "Präsident aller 175 Millionen Brasilianer" sein. Er wolle die ganze Gesellschaft auffordern, beim "Bau eines gerechteren, brüderlichen und solidarischen Landes" mitzumachen, sagte er mit ernster Miene in Sao Paulo. Zur "internationalen Gemeinschaft" sagte er, Brasilien wolle einen entscheidende Beitrag zum Frieden weltweit leisten. Für Montag kündigte er eine Ansprache an die Nation an.

Obwohl die Wahlbehörde das amtliche Endergebnis erst am Montag offiziell verkünden wollte, erkannte Serra seine Niederlage bereits am Sonntagabend an. "Die Urnen haben gesprochen", sagte er. Der scheidende Präsident Fernando Henrique Cardoso, der in der ersten Wahlrunde vom 6. Oktober nach zwei Amtszeiten nicht mehr hatte antreten dürfen, bezeichnete derweil den Ablauf des Urnengangs trotz der Niederlage seines Kandidaten als "Triumph und historischen Meilenstein für die brasilianische Demokratie".

Lula ist für eine Koalition angetreten, der neben seiner Arbeiterpartei mehrere kleinere linke Parteien und die an der politischen Mitte orientierten Liberalen angehören. In Rio de Janeiro, Sao Paulo und Brasilia feierten viele Menschen überschwänglich den Sieg Lulas, der zuvor drei vergebliche Anläufe um das höchste Amt im Staat unternommen hatte.

US-Präsidialamtssprecher Ari Fleischer sagte zu Journalisten, Präsident George W. Bush gratuliere dem Wahlsieger und er sehe einer produktiven Zusammenarbeit mit Brasilien entgegen.

Die Stichwahl war nötig geworden, weil in der ersten Runde am 6. Oktober kein Kandidat die absolute Mehrheit erreicht hatte. In der ersten Runde hatte Lula 46 Prozent der Stimmen gewonnen, während Serra auf 23 Prozent kam. Zur Wahl aufgerufen waren 115 Millionen Brasilianer. Lula wird am 1. Jänner kommenden Jahres seine vierjährige Amtszeit antreten.

Die Finanzmärkte der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas schienen sich in der vergangenen Woche mit einem Sieg Lulas abgefunden zu haben. Die Landeswährung Real und die Aktienkurse zogen nach monatelanger Talfahrt teils kräftig an. Der Real liegt aber weiter knapp 40 Prozent unter seinem Niveau zu Jahresbeginn. Noch vor wenigen Wochen hatten viele Anleger befürchtet, dass Lula als neuer Präsident mit einer laxen Fiskalpolitik die Unterstützung des Internationalen Währungsfonds (IWF) verspielen könnte. Die Ängste vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch des mit 260 Milliarden Dollar (266 Mill. Euro) verschuldeten Landes nach einem Wahlsieg des ehemaligen Gewerkschafts-Chefs hatten an den Märkten seit Jahresbeginn beträchtliche Kursverluste ausgelöst.

Den Anstoß für die jüngste Kurserholung gaben beruhigende Äußerungen von Mitgliedern der Arbeiterpartei Lulas, die ihre Verpflichtung zu einer soliden Fiskal- und vernünftigen Wirtschaftspolitik betont hatten. Lula hat sich im Laufe des Wahlkampfes zudem in die Mitte bewegt. Er umwarb die Wirtschaft und konnte sogar einige der mächtigsten konservativen Politiker auf seine Seite ziehen. "All dies hat die Märkte beruhigt. Das Gespenst eines drohenden Zusammenbruchs, das die Kurse so lange belastet hat, scheint nun verschwunden", sagte Helio Ozaki, Analyst beim Brokerhaus Finambras in Sao Paulo. Die positive Stimmung werde sich wohl auch in dieser Woche fortsetzen.

Lula selbst äußerte am Sonntag die Erwartung, dass sich die Finanzmärkte in den nächsten Tagen wieder beruhigen dürften. Sein Wirtschaftsberater Guido Mantega sagte in Sao Paulo, der Zentralbankpräsident werde künftig eine größere Autonomie erhalten.

26.10.2002 22:03