Augenzeugenbericht: "Ohne Einsatz wären alle tot"
- Journalistin schildert grausame Erschießung der beiden Geiseln
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Moskau: Chronik des Geisel-Dramas
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Antiterrorteam als Pannen-Einheit
Wie eine Zuschauerin, die während der Vorstellung einschlief und allein zurückgelassen wurde, wirkt die Frau mit schwarzem Kopftuch. Ihr Körper ist zurückgelehnt in einem der roten Samtsitze vom Moskauer "Haus der Kultur", der Kopf nach hinten geworfen. Doch die Frau gehört zu den etwa 50 tschetschenischen Geiselnehmern, die in dem Theatersaal zweieinhalb Tage lang mehr als 800 Menschen festhielten. Elitesoldaten der russischen Armee töteten die Frau und mindestens 41 andere Bewaffnete, als Sicherheitskräfte am Samstagmorgen das belagerte Gebäude in der Moskauer Innenstadt stürmten. Nicht einmal mehr ihre umgeschnürten Sprengladungen konnten die verhinderten Selbstmordattentäter zünden.
Zwischen den Sitzreihen liegen nun die blutüberströmten Leichen von vielen der bewaffneten Tschetschenen. Vor ihrem Tod scheinen sie, betäubt von eingeleitetem Betäubungsgas, regelrecht eingeschlafen zu sein. Auf einigen Sitzen liegen noch immer selbst gebastelte Sprengsätze, mit denen das Kommando seine Geiseln töten wollte, sollte die Forderung nach einem sofortigen Ende des Tschetschenienkrieges nicht erfüllt werden. Etwa in der Mitte des Zuschauerraums steht noch immer ein großer Metallzylinder auf einem Sitz. Dies war offenbar die große Bombe, von der Geiseln per Mobiltelefon berichtet hatten.
Vom Einsatz des Betäubungsgases erfuhren die Zuhörer des Radiosenders Moskauer Echo gegen 05.30 Uhr Ortszeit: Zu diesem Zeitpunkt berichteten zwei Frauen per Mobiltelefon von "starkem Gasgeruch". Olga Tscherniak, eine Journalistin der russischen Nachrichtenagentur Interfax, befand sich als Geisel im Theater, als die Geiselnehmer kurz vor der Erstürmung mit der Exekution ihrer Gefangenen beginnen wollten. "Sie haben einen Mann und eine Frau vor unseren Augen erschossen", erzählt Tscherniak. "Dem Mann haben sie ins Auge geschossen. Es floss viel Blut. Ich dachte, jetzt töten sie uns alle." Dann sei "etwas passiert" und sie habe das Bewusstsein verloren: "Ich bin erst im Krankenhaus wieder aufgewacht." Das "spezielle Gas", ist die Journalistin überzeugt, "hat uns alle vor dem sicheren Tod bewahrt".
Nach Berichten von anderen befreiten Geiseln mussten sich die erwachsenen Gefangenen in den 57 Stunden ihrer Geiselhaft im Zuschauerraum aufhalten, die etwa 20 gefangenen Kinder wurden auf den Rängen festgehalten. Geiselnehmerinnen, die sich inmitten ihrer Opfer verteilten, hätten in ihren schwarzen Tschadors Kugellager mit sich getragen, um im Ernstfall mit den umgebundenen Sprengsätzen möglichst viele Menschen töten zu können. Die Frauen seien beim Sturm auf das Theater die ersten gewesen, die im Kugelhagel der Befreier getötet wurden, sagen die Überlebenden.
Die Journalistin Tscherniak beschreibt die Ohnmacht, die die meisten Geiseln gefühlt haben müssen. "Wir warteten alle darauf, zu sterben." Die Geiseln seien sich bewusst darüber gewesen, dass sie nicht überleben würden, wenn die Forderung nach einem Ende des Tschetschenienkrieges nicht erfüllt werde. "Die Terroristen, besonders eine Frau unter ihnen, sagten uns, sie seien zum Sterben gekommen", erinnert sich Tscherniak. "Sie sagte uns: 'Wir alle wollen zu Allah gehen, und ihr werdet mit uns kommen.'"
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