Mittwoch, 23. Oktober 2002

Geisel-Drama: Geheimdienst verteidigt Gas-Einsatz

  • Acht Verletzte noch in kritischem Zustand
  • PLUS: Die Bilder & die Chronik (siehe Kasten)

Unter wachsendem Druck aus dem In- und Ausland hat der russische Inlandsgeheimdienst FSB den Gas-Einsatz zur Beendigung des Moskauer Geiseldramas verteidigt: Die mit mehr als hundert Kilogramm Sprengstoff bewaffneten Tschetschenen hätten anderenfalls "alle ihre Geiseln massakriert", sagte der Vizedirektor des FSB-Instituts für Kriminalistik, Wladimir Jerjomin, am Donnerstag in Moskau.

Die Geiselnehmer hatten laut Jerjomin zwei große Metallbehälter mit je einer 152-mm Artillerie-Granate im Saal des Musical-Theaters platziert: einen im Parkett und einen auf dem Balkon. Beide Behälter seien miteinander verdrahtet gewesen. Außerdem sei das Geiselnehmerkommando im Besitz von 25 Sprengstoffgürteln mit jeweils zwei Kilo Sprengstoff und einem Kilo Stahlsplittern gewesen, die von mehreren Frauen getragen worden seien. Die Ermittler fanden laut Jerjomin außerdem 16 Granaten vom Typ F-1 und 89 selbst hergestellte Granaten.

"Selbst wenn nur die stärkste Bombe explodiert wäre, vergleichbar mit 20 Kilogramm des Sprengstoffs TNT, wären die Granatsplitter überallhin geflogen", sagte Jerjomin bei einer vom Fernsehen landesweit übertragenen Pressekonferenz. Niemand im Theatersaal hätte überlebt.

Acht Verletzte noch in kritischem Zustand
Acht Verletzte waren nach Angaben der Gesundheitsbehörde der russischen Hauptstadt in einem kritischen Zustand. Insgesamt 468 Ex-Geiseln seien entlassen worden. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hätten weitere Geiseln gerettet werden können, wenn sie unmittelbar nach ihrer Befreiuung medizinisch versorgt worden wären. Bei der Erstürmung des Theaters war dem russischen Gesundheitsminister Juri Schewtschenko zufolge das Narkosemittel Fentanyl zum Einsatz gekommen. 119 Geiseln wurden insgesamt getötet.

Lügen und Geheimnisse...
Seit Tagen verschleierte die russische Führung die Folgen des mit einem Gasangriff eingeleiteten Zugriffs im Musical-Theater "Nord- Ost". Eine "Spezialgehirnwäsche" nennen es Medien. Die russische Presse, die unter Präsident Wladimir Putin schon weitgehend geknebelt schien, stellt jetzt wieder unbequeme Fragen. Dabei geht es nicht nur um das eingesetzte Gas.

Was zum Beispiel löste den Sturm aus? Nach offiziellen Angaben stürmten die Spezialeinheiten das besetzte Theater Samstagfrüh, weil die Tschetschenen mit den in ihrem Ultimatum angekündigten Geiselerschießungen begannen. Tatsächlich belegen die Berichte von Ex-Geiseln, dass die Terroristen unplanmäßig einen Mann erschossen. Gezielt hatten sie auf dessen Nachbarn, der in einem hysterischen Anfall aufsprang. Der Fehlschuss verletzte auch eine Frau tödlich.

Wollten Tschetschenen niemanden töten?
"Es floss viel Blut", berichtete die Studentin Jewgenija Jakowzewa. "Die Geiselnehmer schienen selbst geschockt. Sie baten uns, das Rote Kreuz zu rufen, weil die Ärzte im Saal damit nicht fertig werden." Die Ex-Geisel Wladyslaw Ponomarjow, ein Arzt aus Krasnodar, schilderte der Zeitung "Iswestija", wie er mit einem Kollegen die beiden Opfer aus dem Zuschauerraum schleppte. Danach kehrte zunächst wieder Ruhe ein. Der Sturm begann erst Stunden später.

Kniefall vor Moskau: Verhaftung in Dänemark
Die dänische Polizei hat am Mittwochmorgen in Kopenhagen den führenden tschetschenischen Politiker Ahmed Sakajew festgenommen. Sakajew hatte als "persönlicher Repräsentant" des im Untergrund lebenden Präsidenten der umkämpften russischen Teilrepublik, Aslan Maschadow, an einem Kongress in Dänemarks Hauptstadt teilgenommen. Sein Namen stand auf einer am Dienstag aus Moskau übermittelten Liste des russischen Außenministeriums mit mutmaßlichen Terroristen.

23.10.2002 20:18