Dienstag, 15. Oktober 2002

Nestroy-Eklat: Peymann gibt Theater-Preis zurück!

  • "Provinzielles Gezeter": Ex-Burg-Chef verzichtet auf "Nestroy"
  • Polit-Streit wegen Heller-Märchen vom Kanzler, der Land runiert

Wieder ein Eklat - und wieder einmal im Mittelpunkt: Der Ex-Burgtheater-Chef. Er verzichtet auf seinen "Nestroy", der ihm am Samstag für sein Lebenswerk verliehen wurde! Begründung: Das "unwürdige Schauspiel und provinzielle Gezeter" rund um seine Person. Auslöser: Andre Hellers Märchen (vorgetragen bei der Verleihung) vom Kanzler, der sein Land ruiniert. Peymann möchte nun "endgültig in dieser Stadt und in diesem Land nichts mehr entgegennehmen und von niemandem geehrt werden"...

Unter dem Eindruck des unwürdigen Schauspiels und provinziellen Gezeters, das um die Nestroy-Preisverleihung an mich ausgebrochen ist, bitte ich die geschätzte Jury, den mir verliehenen Nestroy zurückzunehmen", so Peymann in einer Aussendung.

Hellers Kanzler-Märchen löst Polit-Streit aus
Andre Heller hatte in seiner Laudatio auf Peymann ein "Märchen" über einen Politiker erzählt, der sich in einem "zynischen Egotrip" zum Kanzler gemacht und dabei sein Land ins Unglück gestürzt habe. Gala-Moderatorin Eckert hatte anschließend darum gebeten, dass die bevorstehende Nationalratswahl "nicht wieder in einer Schmierenkomödie endet". Nach der Verleihung sprach die ÖVP von "Missbrauch einer Kulturveranstaltung für parteipolitische Werbung".

Nestroy, der sein Leben lang unter den Zensurmaßnahmen der österreichischen Administration gelitten hat, "dient ausgerechnet jetzt der rechtskonservativen Partie als Vorwand, Zensur auszuüben", so Peymann. Peymann sieht in Hellers Polit-Märchen das "Kabinettstück, den schönen Schein des Theaters zu verlassen und in die schmerzhaft-bedrückende Wirklichkeit vorzustoßen". Dies stehe in der "großen Tradition des besseren Österreichs von Nestroy und Karl Kraus bis zu Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek".

Unter dem "Eindruck der derzeitigen Nestroy-Satire" revidiert Peymann auch sein Vorhaben, keine Wahlempfehlung für die österreichische Nationalratswahl abzugeben, da er fürchtete, dass seine "Empfehlung dem Empfohlenen nur schadet und Stimmen kostet". Nunmehr empfiehlt der derzeitige Leiter des Berliner Ensembles "allen österreichischen und besonders den Wiener Theaterfreunden, unbedingt den amtierenden Bundeskanzler Wolfgang Schüssel wiederzuwählen". Dies "vor allem deshalb, damit Österreich auch in Zukunft Franzl Morak als genialer Kunststaatssekretär erhalten bleibt und um Himmels Willen nicht als Kammerschauspieler ans Burgtheater zurückkehrt", so Peymann.

15.10.2002 13:52