Freitag, 11. Oktober 2002

ÖBB: Vorstand & Gewerkschaft einig, "Streik" vorbei

  • Trotzdem Verspätungen - e-mail-Beschwerden an ÖBB!
  • Grund: Es dauere halt, bis alle ÖBBler vom Streik-Ende wussten

Bei den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) hat sich nach den Protesten der vergangenen Tage das Klima merklich entspannt. Viele Pendler sind aber noch wütend auf die ÖBB! Obwohl der "Streik" (in Form von "Dienst nach Vorschrift") beendet wurde, warteten die Menschen immer noch vergeblich auf ihre Züge! Viele Garnituren fuhren eingeschränkt. Mit ein Grund: Es dauere eben eine gewissen Zeit, bis alle Lokführer wüssten, dass der Protest beendet sei, meinte ein ÖBBler! (e-mail der Beschwerdestelle im Kasten rechts)

Nach der gestrigen Einigung zwischen Vorstand und Gewerkschaft sprach der oberste Eisenbahner-Vertreter Wilhelm Haberzettl am Donnerstag von einem "Zeichen des guten Willens" der Unternehmensleitung. Die Entwicklung der ÖBB verlaufe wieder auf vernünftiger Schiene, sagte Haberzettl.

Unternehmensleitung und Belegschaft hatten sich am Mittwochabend in den Kernpunkten der Diskussion geeinigt und eine Ausweitung des sozialen Dialogs vereinbart. Den Überstunden-Boykott bei den Lokführern und in den Werkstätten hat die ÖBB-Belegschaft damit am Donnerstag beendet. Vereinzelt ist es am Donnerstag dennoch zu weiteren Ausfällen gekommen. Spätestens morgen, Freitag, soll der Regelbetrieb aber wieder hergestellt sein, hieß es am Donnerstag aus dem Management.

Die Einigung kam praktisch in letzter Minute. Wäre es zu keiner Lösung des Konflikts gekommen, hätte die Gewerkschaft bereits am Donnerstag den "Dienst nach Vorschrift" auf den gesamten Personen- und Güterverkehr ausgedehnt. Waren zuletzt nur rund 100 Züge im Raum Wien betroffen, hätte dies voraussichtlich zu Ausfällen in ganz Österreich geführt.

Ausgelernte Lehrlinge auch übernehmen!
Die Gewerkschaft hatte vor allem einen massiven Überstunden-Überhang bei den Lokführern beklagt. Nun soll laut Haberzettl gemäß der Einigung die Zahl der Lokführer dank einer Erhöhung der Ausbildungsquote konstant gehalten werden. Statt derzeit 120 sollen zunächst jährlich 180 bis 200, später an die 300 Lokführer neu ausgebildet werden - genau so viele, wie das Unternehmen verlassen. Und: Die ausgelernten Lehrlinge sollen vom Unternehmen dann auch tatsächlich übernommen werden, so das Agreement.

Gleichzeitig wollte die Belegschaftsvertretung aber auch ein Reformpakt bekämpfen, mit dem das Management Lohnkosten senken und einzelne Unternehmensbereiche ausgliedern wollte. Wie Haberzettl am Donnerstag weiter erklärte, hat der Vorstand dieses Maßnahmenpaket nicht zurückgenommen. Dass die Ertragssituation verbessert werden müsse, sei klar. Man habe sich aber darauf geeinigt, dass zunächst alle denkbaren Schritte einer Marktoffensive unternommen würden, bevor der Vorstand über Maßnahmen auf Kosten des Personals nachdenke.

Stellenabbau nicht in dieser Form
Der ursprüngliche Plan des Managements, bis 2007 rund 7.000 der derzeit 47.000 ÖBB-Mitarbeiter abzubauen, ist für den Gewerkschaft nach der Vereinbarung "in dieser Form kein Thema mehr". Sollten dennoch Maßnahmen notwendig werden, werde man einen "sozialen Dialog" führen. Außerdem habe man fix regelmäßige Gespräche vereinbart, die quasi als "Frühwarnsystem" für mögliche Personalschritte dienen sollen, so Haberzettl.

In den vergangenen Tagen waren täglich rund 80 Züge im Raum Wien ausgefallen, weil die ÖBB-Lokführer Überstunden verweigert hatten.

Protest wegen Überstundenzunahme
Kern des Streits war ein - nach Ansicht der Gewerkschaft - massiver Überhang an Überstunden bei den ÖBB-Lokführern. Außerdem wollte die Belegschaft ein derzeit diskutiertes Maßnahmenpaket verhindern, mit dem das Management den Personalabbau vorantreiben und einzelne Unternehmensbereiche ausgliedern will. Am Mittwoch wurde vereinbart, dass "wenn es auf Grund der Ergebnisentwicklung des Unternehmens zu Maßnahmen kommen muss, diese auf Basis eines sozialen Dialogs eingeleitet werden".

11.10.2002 18:20